Zurück im aktiven Dienst
Kapitel 1: Zurück im aktiven Dienst
Es war Christians erste Woche zurück im aktiven Dienst. Drei Monate Reha, dann noch ein paar Wochen Schreibtischarbeit — jetzt stand er wieder draußen. Es fühlte sich einerseits normal an, andererseits … nicht.
Der letzte Einsatz im Feld hatte damit geendet, dass er im Krankenhaus aufgewacht war. Mit einem lebensgefährlichen Bauchschuss und einer zerfetzten Niere. Seitdem wusste Christian, wie schnell es aus sein konnte.
Heute stand nur Routine auf dem Programm. Ein Gespräch mit einem Zeugen. Ein Lokalaugenschein am Tatort. Das Übliche eben. Test
Dann schob sich noch ein weiterer Termin dazwischen. Ein "Gespräch" hatte Viktor es genannt. Vielleicht ein Tatverdächtiger, vielleicht auch jemand, der überhaupt nichts mit dem Fall zu tun hatte. Routine eben. Kein Grund zur Nervosität. Christian konnte zeigen, dass er wieder belastbar war.
Die Tür zur Wohnung war nur angelehnt. Drinnen roch es nach abgestandener Luft, Essen und kaltem Rauch.
"Hallo?", rief Viktor. "Polizei! Wir würden uns gern mit Ihnen unterhalten!"
Sie traten ein und machten ein paar Schritte in den Flur. Einer links, der andere rechts, einander Deckung gebend, so wie sie es unzählige Male geübt hatten.
Und dann stand da jemand am anderen Ende. Eine Pistole in der Hand. Der Lauf zeigte direkt auf Christian.
Etwas in seiner Brust zog sich schlagartig zusammen. Geräusche wurden dumpf, als hätte jemand Watte in seine Ohren gestopft. Der Lauf der Waffe flackerte kurz, dann war es nicht mehr diese enge Wohnung, sondern wieder der Görlitzer Park.
Kälte kroch ihm unter das Jackett. Der Druck auf seinem Bauch war so fest, dass er kaum Luft bekam. Der Geruch von Metall und Blut erfüllte seine Nase. Viktors Stimme ertönte. Scharf und nah. Doch die Worte glitten an ihm vorbei. Geräusche von Schuhen auf Erde und Kies. Ein Schuss. Noch einer. Sein Herz hämmerte so laut, dass es den Rest übertönte.
"Christian!" Viktors Stimme drang diesmal durch, wie ein Ruck an einer Leine.
Christian blinzelte und das Bild kippte zurück in den Flur. Die Pistole war immer noch da, die Finger des Mannes zuckten nervös um den Abzug.
"Runter mit der Waffe", befahl Viktor mit ruhiger Stimme.
Ob der Mann reagierte, wusste Christian im ersten Moment nicht. Sein Kopf war immer noch voller Nebel und er musste die Luft bewusst in seine Lungen zwingen. Erst als Viktor neben ihm einen Schritt nach vorn machte und das Klicken von Metall zu hören war, begriff Christian, dass es vorbei war.
Die Pistole lag auf dem Boden.
Christian atmete immer noch zu schnell und bekam zu wenig Luft. Jeder Muskel vibrierte, als würde er gleich zusammenbrechen. Ihm war übel und der Flur begann leicht zu schwanken, sobald er sich nicht darauf konzentrierte.
Er zwang sich, stehen zu bleiben — beide Beine fest auf dem Boden, auch wenn sein Körper nur wegwollte.
Viktor hatte alles unter Kontrolle. Seine Stimme war ruhig. Er hatte dem Mann schon Handschellen angelegt und belehrte ihn gerade über seine Rechte. Anschließend bückte er sich und hob die Pistole auf, um sie zu sichern. Metallisches Klicken, leises Rascheln von Stoff — jedes Geräusch kam wie durch einen Filter bei Christian.
Er versuchte, den Blick auf einen Punkt an der Wand zu fixieren, um nicht wieder abzurutschen. Nur noch atmen. Irgendwie.
~~~
Der Lärmpegel in der Kantine war gedämpft. Die meisten Kollegen hatten schon zu Mittag gegessen oder saßen weit genug entfernt, dass es nicht störte. Viktor stellte zwei Tassen Kaffee auf den Tisch, schob eine zu Christian und setzte sich.
"Wie gehts dir jetzt?" Seine Stimme war leise und sanft, aber sein Blick ließ keinen Zweifel daran, dass er eine ehrliche Antwort wollte.
Christian riss das Päckchen Zucker auf, kippte es zur Gänze in seine Tasse und rührte eine Weile nachdenklich mit dem Löffel um. Seine Hände zitterten immer noch ein wenig.
"Besser als vor einer Stunde." Er hielt Viktors Blick stand, damit es nicht wie eine Ausflucht wirkte. "Ich weiß, dass das vorhin … nicht mein bester Moment war."
Viktor musterte ihn genau. "Es war dein erster Einsatz mit einer Waffe im Spiel seit dem Park. Du hast nicht gekniffen."
"Aber fast." Christian blickte hoch zu Viktor und sah ihn dankbar an. "Ich bin froh, dass du neben mir gestanden bist."
Viktor zuckte mit den Schultern, als wäre das selbstverständlich. "Du wärst für mich da, wenn es andersrum wäre."
Christian nickte und trank einen Schluck Kaffee. Die Süße half ihm noch mehr zu entspannen. "Ich hab gemerkt, dass es hochkommt. Die Bilder. Die Gefühle. Aber ich hab es nicht verhindern können."
"Du bist nicht zusammengebrochen. Das ist ein Anfang."
Christian nickte erneut. Ihm war klar, dass er Geduld haben musste. Er hatte von Kollegen gehört, die nach so einem Vorfall nie wieder dieselben geworden waren. Aber er wollte nicht im Innendienst landen. Das wäre kein Leben für ihn gewesen.
"Du weißt, dass das normal ist", erinnerte ihn auch Viktor. Es lag kein Mitleid in seiner Stimme. Es war nur eine ruhige Feststellung. "Das geht nicht von heute auf morgen weg. Aber es wird leichter."
"Genau das denke ich auch", stimmte Christian zu. "Solange du danebenstehst, krieg ich das hin."
Viktor lächelte. Er streckte seine Hand über den Tisch aus.
Christian griff danach und drückte sie.