Zukunft

Kapitel 1: Zukunft

Alexander steht in seinem Arbeitszimmer und sieht hinunter auf die enge Straße, die sich den Mönchsberg hinauf windet. Er ist schon Tausende Male hier gestanden und hat aus dem Fenster geschaut. Normalerweise beruhigt ihn das, was er sieht. Die Straße ist so schmal, dass sich Fahrzeuge schwertun. Immer mal wieder laufen hier Touristen vorbei. Die Enge und die steinernen Mauern bieten Schutz und vermitteln ein Gefühl von Sicherheit.

Heute aber nimmt er nichts davon wahr. Seine Augen folgen einer Gruppe Menschen, die sich schnaufend weiter empor quälen. Wahrscheinlich wollen sie rauf zur Festung, wie die meisten. Doch seine Gedanken sind weit, weit weg.

In ihm herrscht Zwiespalt.

Nein, das ist kein angemessener Ausdruck.

Auf der einen Seite ist er von Freude beherrscht — wie der Föhn, der warme und fast fieberhafte Fallwind der Alpen, möchte sie ihn mitreißen und bereitet ihm Kopfschmerzen.

Auf der anderen Seite steht der Bise gleich die Sorge, die mit ihrer schneidenden Kälte für Klarheit sorgt und ihn in eine andere Richtung drängen will.

Dass er auf seine alten Tage noch mal eine Familie gründet … damit hat er wirklich nicht gerechnet. Aber Leyla ist in sein Leben getreten und hat ihm — einem Wirbelwind gleich — den Kopf verdreht.

Und jetzt ist sie schwanger.

Einerseits freut sich Alexander — so sehr, dass er in keiner Sprache dafür Worte kennt. Er kann es kaum erwarten, das kleine Glöckchen in den Armen zu halten oder das erste Mal gemeinsam durch den Garten zu laufen.

Aber andrerseits sitzt ihm die Furcht im Nacken. Kann er seine Familie gut genug schützen, um zu verhindern, was schon einmal geschehen ist? Hat er ausreichend dazugelernt, um wirklich für die nötige Sicherheit zu sorgen? Er hofft es.

Die nächsten Wochen und Monate werden durch sorgfältiges Planen und umfangreiche Recherchen geprägt sein. Er wird jeden Schutzzauber, jedes Siegel und jede Glyphe, die jemals ersonnen wurde, analysieren und gegebenenfalls hier in seinem Heim installieren.

Doch zuerst gibt es ein Gespräch, das er mit Leyla führen muss. Das er schon viel zu lange vor sich her geschoben hat. Das alles zwischen ihnen ändern könnte.

Er hat ihr nicht die Wahrheit gesagt. Es gibt manches über ihn, das er ihr vorenthalten hat.

Jeder hat Dinge, die er anderen nicht leichtfertig an die Nase bindet.

Jeder hat Geheimnisse, die er nur ungern mit anderen teilt.

In seinem Fall hat diese Verschwiegenheit dem Selbstschutz gedient — zumindest hat er sich das eingeredet. Aber jetzt betrifft es auch Leyla.

Er hofft, dass er sich nicht in ihr irrt.

Wenn jemand mit der Wahrheit fertig werden kann, dann sie.

Aber es ist ihre Entscheidung. Und er wird sich fügen.

Alexander atmet tief durch, dann löst er sich vom Fenster. Er zieht seine Jacke aus dunkelgrünem Brokat zurecht, bevor er den Raum verlässt.

Wenn er sich irrt, hat er in fünf Minuten keine Familie mehr.