Villain

Kapitel 1: Villain

Christian weiß, dass er in seinem Leben schon viel Scheiße gebaut hat. Er könnte sämtliche Schuld von sich weisen und sich darauf versteifen, dass er ein Opfer der äußeren Umstände geworden ist. Jedes einzelne Mal würde das funktionieren.

Wegen einer Fehldiagnose in seiner Kindheit musste er jahrelang Psychopharmaka nehmen, deren Nebenwirkungen ihn träge machten und sein Hirn vernebelt haben. Nur durch Zufall hat er irgendwann entdeckt, dass Alkohol die Wirkung aushebelt. Und so war er schon abhängig von dem Zeug, noch bevor er volljährig wurde. Nicht seine Schuld.

Seine Eltern wollte nie Kinder — er war ein "Unfall". Sein Vater hatte seine Vorstellungen, wie Christians Zukunft aussehen sollte und seine Mutter hatte ihre. Beide gingen diametral auseinander. Somit gab es oft Streit, in dessen Mittelpunkt Christian stand. Egal was er tat, er war immer der Grund für den Unfrieden in der Familie. Mit achtzehn ist er von Zuhause weg, hat sämtliche Brücken abgebrochen und sich lange nicht mehr bei ihnen blicken lassen. Erst kurz vor ihrem Tod hat er sie wieder besucht. Nicht seine Schuld.

Mit Anfang zwanzig hat er seine große Liebe kennengelernt: Babsi. Sie wollte eine ernsthafte Beziehung und hat sogar laut über Zusammenziehen und Kinder nachgedacht. Christian steckte zu dem Zeitpunkt noch in seinem Studium fest und wollte Dolmetscher werden. Da sind die ersten Jahre wichtig, niemand stellt einen Jungvater ein. Nicht seine Schuld.

Sein ganzes Leben lang hat es bisher solche Situationen und Entwicklungen gegeben. Alles nicht seine Schuld, könnte er behaupten.

Aber er weiß es besser.

Er weiß, dass er nicht unfehlbar ist. Er weiß, dass er manchmal beschissene Entscheidungen trifft und er weiß, dass er sich oft genug irrt.

Das ist seine Stärke.

Aber auch seine Schwäche.

In seinem Job muss er sich sicher sein. Er hat den Ruf, unerbittlich sein Ziel zu verfolgen — in Berlin hat man ihm nicht umsonst den Spitznamen "Bluthund" verpasst. Viele hier in Köln mögen ihn nicht, halten ihn für unfreundlich und eingebildet. Doch das muss leider so sein.

Dass es das Koordinierungskommissariat Okkulte Kriminalität aka die Spökenkieker überhaupt gibt, ist seiner Hartnäckigkeit zu verdanken. Er hat nicht so viel erreicht, in dem er immer zu jedem nett und freundlich war.

Auch da sind Fehler passiert.

Er mag für viele so unnachgiebig wie ein Fels wirken, aber oft genug ist das die Einzige Möglichkeit, um in einer Behörde wie der Polizei seinen Standpunkt vertreten zu können. Sein unbeeindruckter Gesichtsausdruck, wenn bei einem Meeting sein imaginäres Bullshit-Bingo-Kärtchen schon nach zehn Minuten zur Hälfte voll ist, wurde schon oft genug als resting bitchface bezeichnet. Und wenn er mal wieder bei einem Meeting laut wird und einem Leiter der anderen Kriminalinspektionen seine Meinung geigt, fragt er sich danach oft genug, ob sie in ihm den Feind sehen. Der Typ, der nie lacht, immer alles besser weiß und lieber den Saal in Brand steckt, als einen Meter zurückzuweichen.

Er weiß, dass er kein Heiliger ist. Er weiß, dass er mit seinen Entscheidungen nicht nur den Kollegen den Abend vermiesen kann, sondern Leben beeinflusst — und trotzdem muss er weitermachen.

Auch wenn er immer wieder Fehler macht.

Denn es braucht jemand wie ihn, der den Kopf hinhält, die Drecksarbeit macht und nicht davor zurückschreckt, das auszusprechen, das gesagt werden muss.

Er wünschte nur, es wäre nicht immer er.