Scheiß Vieh

Kapitel 1: Scheiß Vieh

Beißender Geruch steigt Viktor in dem Moment in die Nase, als er das Gewölbe betritt.

Scheiße.

Das kann doch nicht wahr sein! Seit er in Wien das erste Mal auf einen Basilisken gestoßen ist, hat er das Gefühl, dass die Dinger ihn verfolgen.

Was zur Hölle macht so ein Vieh in Dortmund?

Er drückt sich tiefer in die Dunkelheit. Jeder Schritt wird vorsichtiger, die Knie leicht gebeugt, der Schwerpunkt nach vorn verlagert — bereit, sofort auszuweichen, falls etwas aus den Schatten schnellt. Dank seiner verstärkten Sinne erkennt er wenigstens noch verschwommene Umrisse. Pfeiler. Bögen. Schutt.

Früher war das mal ein Weinkeller — oder etwas Ähnliches. Aber der Zahn der Zeit hat sehr intensiv und enthusiastisch an dem Bauwerk genagt. Schutt liegt auf dem Boden. Es knirscht unter seinen Sohlen. Zu laut für seinen Geschmack. Jeder Laut könnte hier unten sein Todesurteil sein.

Der östliche Bereich ist komplett eingestürzt, der Rest wirkt nicht viel stabiler. Er hat echt keinen Bock, hier in dem Mief festzusitzen.

Viktor presst sich seinen Ärmel vor Nase und Mund und schleicht weiter, dicht an der Wand entlang.

Irgendwo da unten vermuten sie die beiden vermissten Teenager. Wie kann man nur so blöd sein und …

Er bricht den Gedanken ab, zwingt sich, nicht weiter in Verachtung abzudriften. Normale Teenager machen nun mal Mist. Sie werden nicht von klein auf gedrillt, gefährlicher zu sein als das, was in den Schatten lauert.

Mit jedem Schritt wird der Gestank schlimmer. Scharf, beißend — irgendwie nach fauligem Fleisch und verrottetem Ei zugleich. Viktor verzieht das Gesicht. Seine magisch geschärften Sinne sind im Kampf Gold wert — in der Situation allerdings sind sie mehr ein Fluch.

Der Geruch frisst sich durch seine Nasennebenhöhlen, brennt ihm im Rachen — so intensiv, dass ihm die Augen tränen. Jeder Atemzug fühlt sich an, als würde er eine Handvoll Säure einatmen.

Er beißt die Zähne zusammen und zwingt sich, weiterzuschleichen. Kurze, flache Atemzüge, das Gewicht auf den Fußballen, so leise wie möglich. Doch selbst das winzige Knirschen von Sand unter seinen Sohlen klingt in seinen Ohren wie ein Donnerschlag.

Sein Magen zieht sich zusammen. Der Gestank ist nicht nur widerlich, er wirkt fast wie ein Gift, das seinen Körper in Schach hält, ihn schwächt, während irgendwo in der Finsternis das Vieh lauert. Ein Basilisk stinkt nicht ohne Grund so bestialisch: Es ist eine Waffe. Ein unsichtbarer Angriff, der jeden normalen Menschen längst in die Flucht geschlagen hätte.

Aber Viktor hat keine Wahl. Die beiden Teenager müssen hier irgendwo sein.

Er atmet flach durch den Ärmel und hofft, dass er die beiden bald findet, bevor ihm der Gestank den Magen umdreht.

Da — ein Geräusch!

Es klingt hastig, als würde etwas Kleines durch den Schutt huschen. Viktor friert ein und hält den Atem an.

Und dann trifft es ihn.

Nicht der Basilisk. Aber irgendetwas anderes.

Ein Schwall, dick, ätzend, nicht ganz flüssig aber auch nicht ausschließlich gasförmig. Als hätte sich ein Basilisk mit einem Stinktier gepaart.

"Fuck!"

Es fährt ihm in die Nase, den Rachen hinunter, brennt, als hätte er Säure geschluckt. Reflexartig reißt er den Arm hoch, versucht, den Gestank mit hektischen Bewegungen wegzumachen, aber die schlechte Luft umgibt ihn weiterhin, dick und faulig.

Er japst nach Atem — und kriegt keinen. Der Gestank presst ihm die Kehle zu, als hätte jemand von innen die Luftröhre zugedrückt. Panik flammt auf, heiß und schneidend. Sein Körper schreit nach Sauerstoff, doch jeder Versuch zu atmen, saugt nur mehr Gift in seine Lungen.

Scheiße! Ich krieg’ keine Luft!

Die Schatten vor seinen Augen tanzen. Er taumelt, stützt sich an der Mauer ab. Alles in ihm will fliehen, rennen, raus hier — aber er zwingt sich, nicht die Orientierung zu verlieren.

Kein Basilisk. Kein Basilisk. Wiederholt er wie ein Mantra. Aber das macht es nicht besser.

Er muss Luft kriegen. Sofort.

Viktor taumelt rückwärts, blind vor beißendem Gestank und Atemnot. Seine Lungen schreien nach Luft, aber alles, was er einsaugt, ist noch mehr von diesem höllischen Nebel.

Frische Luft.

Nur raus.

Alles andere ist egal.

Er stößt gegen eine Mauer, Steine fallen zu Boden, er stolpert weiter. Schutt rutscht unter seinen Stiefeln. Leise sein ist längst keine Option mehr — er denkt nicht einmal daran.

Nur noch raus.

Sein Kopf hämmert, die Ränder seines Blickfelds werden schwarz — oder würden es wohl werden, wenn es hier unten nicht sowieso schon stockdunkel wäre. Er ringt keuchend nach Atem, kriegt nichts. Jeder Muskel schreit nach Sauerstoff. Die Panik frisst ihn von innen auf.

Er weiß, dass er so nicht lange durchhält. Wenn er nicht sofort an die frische Luft kommt, wars das.

Kühle, frische Nachtluft schlägt ihm entgegen, wäscht die giftige Wolke aus seiner Kehle. Er stolpert hinaus, torkelt noch zwei Schritte, dann geben seine Beine nach. Er sinkt auf die Knie, kippt halb auf die Seite und keucht, als wollte er die ganze verdammte Welt einatmen. Jeder Atemzug schmerzt, brennt, aber wenigstens kommt endlich wieder Sauerstoff in seine Lungen.

"Viktor?", hört er Christians Stimme. "Wir haben die beiden!"

"Supi", krächtzt Viktor. Für mehr reicht seine Luft gerade nicht. Freuen wird er sich später.