Körperbild
Kapitel 1: Körperbild
Viktor hat lange Zeit mit seinem Körper gehadert. Schuld daran ist sein gestörtes Selbstbild. Sagt seine Therapeutin. Und das wiederum ist zum Großteil nicht ausschließlich auf seinen Mist gewachsen.
Zu langsam, zu träge, nicht stark genug ist sein Körper immer schon gewesen, wenn es nach seinem Vater gegangen ist. Magische Augmentationen haben nachgeholfen, wo knochenhartes Training und eiserne Disziplin versagt haben. Dass daran die Gene von Richard Jäger selbst Schuld sind, hat sich Viktor tunlichst verkniffen zu sagen. Er hat auch so schon genug Prügel eingesteckt.
Zu groß, zu dürr, zu blass haben die Kinder auf der Schule gesagt. Zumindest die, die sich getraut haben. Die meisten hatten einfach zu viel Angst vor ihm. In Lyon haben sie dann über seine Narben gelacht. Und über sein fehlendes Bein. Bis Viktor auch dem irgendwann mit seinen Fäusten ein Ende bereitet hat.
Zu weibisch, zu schmächtig, zu schwul hat es auf der Polizeischule geheißen. Aber mit Christians Unterstützung im Rücken, ist er dem entgegengetreten, hat sich dafür stark gemacht, dass auch Leute wie er, die nicht heterosexuell oder cis sind, eine Heimat in der Exekutive finden können.
Aber sein eigenes Körperbild? Schwierig.
Viktor weiß, dass er sich oft hinter seinem Piercing versteckt. Wenn der kleine Rabenschädel unter seiner Nase baumelt, blicken die wenigsten auf seinen Rock. Oder verziehen das Gesicht, weil er Wimperntusche und Lidstrich trägt. Das Piercing ist wie ein Schutzschild, wie seine Rüstung. Wenn sich Viktor unsicher fühlt, trägt er den Rabenschädel.
Mit dem Rest hat er sich inzwischen so halbwegs abgefunden. Zusammengerauft. Schön findet er sich immer noch nicht. Er bewundert die Leute, die das können. Den eigenen Körper lieben, mit all seinen Schwächen und Unzulänglichkeiten. Viktor kann das nicht. Er versteckt sich hinter so vielen Schichten, dass ihn Christian schon mal als Zwiebel bezeichnet hat.
Er geht zum Beispiel auch nicht ins Freibad im Sommer. Seine blasse Haut muss meistens als Ausrede herhalten. Oder die Tatsache, dass seine Prothese nicht nass werden darf. Aber die Vorstellung, nur mit einer Badehose bekleidet von den anderen Leuten betrachtet zu werden, verursacht ihm großes Unbehagen. Das würde er nur machen, wenn ihn Christian darum bittet — und der hat zum Glück selbst Gründe, warum er nicht ins Schwimmbad gehen möchte — oder Daniel.
Einer von Viktors wiederkehrenden Albträumen ist, dass er plötzlich nackt dasteht. Nicht weil es peinlich ist. Sondern weil ihn dann jeder sieht. Richtig sieht. Weil er so nichts mehr verstecken kann.
Seine Therapeutin hat ihm verschiedene Strategien aufgezeigt, wie er daran arbeiten kann. Aber das ist wohl noch ein langer Weg.
Wunderschön, elegant, stark hat Daniel ihn letztens genannt. Viktor tut sich noch sehr schwer damit, das anzunehmen. Wie kann irgendjemand ihn, dieses kaputte, zerbrochene Ding, als schön empfinden? Aber der Blick in Daniels Augen war deutlich.
Daniel sieht ihn wirklich so.
Und irgendwann möchte Viktor das auch können.
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Christian ist gerade aus der Dusche gestiegen, hat sich abgetrocknet und trägt jetzt sanft Rasiergel auf, wie jeden Morgen. Seine dunklen Locken stehen noch wirr in alle Richtungen ab, aber nach der Rasur wird er sich auch darum kümmern. Währenddessen schweift sein Blick nachdenklich über das, was er von sich im Badezimmerspiegel sieht.
Als Kind hat er sich für seine Größe geschämt. Er war immer der Kleinste und Schwächste, wurde von den anderen Burschen ausgelacht und zu den Mädchen zum Spielen geschickt. Das hat sich in der Pubertät dann gebessert. Nicht, weil Christian so sehr gewachsen wäre, oder weil die Hänseleien in der Richtung weniger geworden sind. Aber er hat sich daran gewöhnt. Es war mit jedem Jahr ein wenig leichter, den Spott zu ignorieren.
Dafür gab es dann etwas anderes, das Christian an sich gehasst hat. Seine Akne. Wo andere nur ein oder zwei Pickel hatten, sah sein Gesicht manchmal so aus, als hätte jemand einen Topf mit Bolognese ausgekippt. Doch auch das ist zum Glück irgendwann vergangen. Zurückgeblieben sind Narben. An seiner rechten Schläfe. Da hat Christian schon alles versucht, aber überschminken ist verdammt schwer, denn es ist nicht die Farbe, die anders ist, hier ist seine Haut so uneben, dass normaler Concealer nichts bringt. Wenn das an seinem Kinn oder auf der Wange so wäre, hätte er sich vielleicht einen Bart wachsen lassen, aber an der Schläfe?
Was Christian daran früher so nervig fand, ist, dass es nur auf einer Seite sichtbar ist. Deutlich sichtbar. Links spürt er zwar ebenfalls leichte Unebenheiten, aber man sieht sie kaum. Doch mit der Zeit hat er sich auch daran gewöhnt. Es fällt sowieso nur ihm auf. Und er sieht ja zum Glück nur am Morgen beim Rasieren so genau in den Spiegel.
Seitdem er hier in Köln die Spökenkieker aufbaut, hat er auch ein wenig zugenommen, ist um die Mitte weicher geworden und hat einen richtigen Bauch bekommen. Er ist nicht nur ein Genussmensch, sondern auch ein Stress-Esser. Und wenn sie in der Anfangszeit hier etwas im Übermaß hatten, dann war das Stress.
Jetzt weigert sich die Wage hartnäckig irgendetwas anderes anzuzeigen. Das nervt Christian zwar, aber mit Anfang fünfzig ist es verdammt schwer das Gewicht wieder los zu werden. Vor einer Woche hat er sich deswegen für einen Zumba-Kurs angemeldet. Vielleicht hilft das. Wenn nicht, dann hat er es wenigstens versucht.
Das einzige, das Christian wirklich an sich stört, sind seine Ellenbogen. Wobei, nicht die Ellenbogen an sich. Die Haut auf den Ellenbogen. Und teilweise auch auf seinen Unterarmen. Christians Haut ist prinzipiell eher empfindlich, aber dort helfen auch beruhigende Cremes und der Verzicht auf sämtliche Duftstoffe in seiner Seife nichts. Psoriasis ist schwer zu behandeln. Dabei hat Christian noch Glück, bei ihm beschränken sich die roten, schuppenden Stellen ausschließlich auf die Arme.
Das ist der Grund, warum er selbst im Hochsommer langärmelige Oberbekleidung trägt. Die Kollegen witzeln zwar, dass Christian das deswegen tut, weil er so korrekt ist. Weil kurzärmelige T-Shirts oder hochgekrempelte Hemden einfach nichts für jemanden sind, der die Polizei repräsentiert und respektabel wirken soll. In Wirklichkeit hat er nur die Blicke satt. Den Abstand, der anderen, die nicht verstehen, dass das keine ansteckende Krankheit ist. Die dunklen Stoffe seiner Shirts verhindern auch, dass man die Blutflecken sieht, die sich manchmal nicht verhindern lassen und dann noch mehr Fragezeichen bei den Kollegen erzeugen.
Mit einem Seufzen greift Christian zum Rasiermesser. Zum Glück sind die Spökenkieker in Köln beheimatet und nicht in wärmeren Gefilden wie Rom oder Barcelona.