Keule
Kapitel 1: Keule
Auch wenn Viktor in der Nähe von Győr geboren ist, hat er das meiste der paar Brocken Ungarisch, die er in seinen ersten paar Lebensjahren aufgeschnappt hat, schon lang wieder vergessen. Den Großteil seiner Kindheit und Jugend hat er in Wien gelebt. Sein Deutsch ist also immer noch sehr österreichisch geprägt.
Wenn er von Christian eine Zigarette schnorrt, fragt er nicht nach einer Kippe, sondern einer Tschick. Seinem Licht wird nicht schwindelig, wenn er es abdreht, anstatt es auszumachen. Und wenn man die Wohnung betritt, steht man im Vorzimmer, denn am Flur wächst Gras über das ein totgeschossner Hase Schlittschuhfahren könnte.
Viktor ist also weit davon entfernt, wie ein waschechter Deutscher zu klingen. Aber die Berliner Mundart bereitet ihm wenig Probleme — zumindest was das Verstehen betrifft.
Dank Christian und der allgemeinen Liebenswürdigkeit der Berliner hat er auch schon etliche Schimpfwörter und Unmutsbekundungen drauf.
Appelfatzke, Tünnes, feige Nille gehören eben zum normalen Sprachgebrauch. Und dass es in der Kantine des Präsidiums ab und zu Moppelkotze gibt, bedarf auch keiner weiteren Übersetzung.
Sehr viel ergibt sich aus dem Kontext. Und im Zweifelsfall ist es eben ein Schimpfwort, das Viktor zu seinem geistigen Wörterbuch hinzufügt.
Als Christian ihn das erste Mal Keule nennt, denkt sich Viktor noch, dass er sich verhört hat. Vielleicht ist es ein seltsam ausgesprochenes Kumpel. Vielleicht hat er ihn Eule genannt — was bedingt durch Viktors Vorliebe, bis spät in die Nacht aufzubleiben, gar kein so unwahrscheinlicher Spitzname wäre. Somit nimmt Viktor es schulterzuckend hin und hinterfragt die Bezeichnung nicht weiter.
Einen Tag später geschieht es wieder.
Sie haben es sich mit einer großen Schüssel Popcorn in Viktors Bett bequem gemacht und eben die neueste Episode von Grey's Anatomy gesehen — nicht weil Viktor so auf die Serie steht, sondern weil das Christians Guilty Pleasure ist.
Auch wenn Christian es vehement bestreitet, ist sich Viktor doch sicher, dass er in Callie Torres verknallt ist. Und so fiebert er in jeder Episode mit der resoluten, aber sympathischen Ärztin mit.
Kaum ist die Episode zu Ende, als sich Christian schon streckt, ausgiebig gähnt und murmelt: "Ich bin durch, Keule. Ich geh ins Bett. Gute Nacht."
Da ist es wieder. Und dieses Mal ist sich Viktor sicher, dass er sich nicht verhört hat.
Keule.
Das Wort lässt Viktor keine Ruhe.
Am nächsten Tag in der Mittagspause hockt Viktor mit zwei Kollegen aus dem Streifendienst am kleinen Tisch im Aufenthaltsraum. Zwischen einem Biss in sein Brötchen und einem Schluck Kaffee fragt er scheinbar beiläufig: "Ey, was heißt eigentlich Keule? Also auf Berlinerisch, meine ich."
Der Ältere der beiden schaut kurz hoch. "Na, 'n Kumpel. Einer, den man mag. Ist kein Schimpfwort, falls du das denkst."
Der Jüngere ergänzt: "Joa, und in manchen Ecken von Berlin sagt man das halt auch zu seinem kleinen Bruder. So wie Atze."
Er lehnt sich zurück, schiebt den Teller beiseite und fügt erklärend hinzu: "Das is, wie wenn ick zu dir sagen würd: Du bist wie 'n Bruder für mich, Keule."
Der Ältere stimmt zu: "Is'n freundliches Ding. Kommt drauf an, wie man's sagt, wa."
Viktor nickt nur und tut so, als hätte er die Info einfach so gebraucht. Aber in Wirklichkeit arbeitet es in ihm.
Kumpel. Kleiner Bruder. Jemand, den man mag.
Er kaut langsam weiter und lächelt.
Christian ist für ihn längst mehr Familie als jeder seiner Blutsverwandten. Und die Vorstellung, ihn als großen Bruder zu haben, nimmt er mit ganzem Herzen an.