Kein Sommergewitter
Kapitel 1: Kein Sommergewitter
Seit Tagen liegt eine brütende Hitze über der Stadt. Radio und Zeitungen überschlagen sich mit positiven Meldungen. "Kaiserwetter", "Badewetter" und wie sie es sonst noch nennen mögen. Daniel ist davon nur mäßig begeistert. Die arbeitende Bevölkerung schwitzt und leidet.
Der Altbau, in dem sich die Außenstelle Ost des LKAs befindet, hat keine Klimaanlage. Für die Besprechungsräume gibt es zwar mobile Geräte, aber alle anderen Zimmer sind entsprechend warm. Auch die Fenster aufzumachen hilft nicht viel, denn die Luft draußen ist noch heißer.
Heute ist Daniels erster Urlaubstag.
Wie immer ist er um kurz vor sechs aufgestanden, um ein paar Runden im Augarten zu drehen, bevor die Hitze des Tages jede Bewegung unmöglich macht.
Schon da war die Temperatur knapp an der Grenze dessen, was er noch als angenehm beim Sport empfindet — Tropennächte bringen eben kaum Abkühlung. Aber jetzt zu Mittag ist es einfach nur scheiß heiß.
Am Weg zur U-Bahn weht ihm ein warmer Wind ins Gesicht. Wahrscheinlich stammt er direkt aus der Wüste.
Daniel schließt für einen Moment die Augen. Es würde ihn nicht sonderlich wundern, wenn ihm ein Kamel entgegenkommen würde.
Auch in der U-Bahn ist es heiß. Zumindest in der Station. Dann hat er das Glück, dass auf der Linie U2 schon die ganz neuen Züge fahren. Und die sind wirklich herrlich hinuntergekühlt. In so eine Garnitur zu steigen, ist wie eine Eiswatsche.
Leider ist er schon nach einer Station am Ziel.
Unzählige schwitzende Leute drängen sich in der Bahnhofshalle. Direkt vor dem Billa ist wie immer am meisten los. Daniel weicht den Massen aus, so gut es geht und fährt mit der Rolltreppe hoch zu den Gleisen. Auch hier weht der heiße Wüstenwind.
Viktors Zug kommt tatsächlich pünktlich an. Er sieht so frisch aus, wie man es nach zwölf Stunden im Zug erwarten kann.
Einen Augenblick zögern beide ob der Hitze, dann umarmen sie sich doch.
"Ich hab dich vermisst", murmelt Viktor.
"Dich auch", antwortet Daniel.
Daniel mag den Sommer eigentlich. Er könnte zwar gern auf die Hitzewellen mit über 35° verzichten, aber er kommt irgendwie damit klar.
Viktor weniger.
Entsprechend mies ist dessen Laune.
"Warum ist Wien immer so beschissen heiß?", mault er, als sie gemeinsam hinunter zu U-Bahn gehen.
"Weil es Hochsommer ist. Sag mir nicht, dass es in Köln so viel kühler ist."
"Dort wird einem wenigstens nicht das Hirn gegrillt."
"Apropos Grillen: Wir sind morgen bei meinen Eltern eingeladen." Draußen im 22. Bezirk ist es immer etwas kühler. Auch Viktor weiß das, denn er nickt.
Zwanzig Minuten später öffnet Daniel die Tür zu seiner Wohnung. Auch hier ist es zu warm. Die großen Fenster liegen am Mittag in der prallen Sonne. Das merkt man leider.
"Dusche?", fragt Viktor, kaum dass Daniel hinter ihnen zugesperrt hat.
"Dusche", stimmt er ihm zu.
Viktor schlüpft aus seinem T-Shirt und hinterlässt eine Spur aus verschwitzem Gewand auf dem Boden.
Einen Augenblick lang ist Daniel versucht, sich deswegen zu beschweren. Aber eigentlich ist ihm viel zu heiß dafür. Er lässt seine Sachen ebenfalls dort fallen, wo er sich ihrer entledigt.
Als das Wasser dann endlich Abkühlung bringt und Hitze und Schweiß gleichermaßen fortwäscht, kann er endlich Viktors Nähe richtig genießen.
Viktor hat Daniel eng an sich gezogen, seine Arme um ihn geschlungen und seinen Kopf auf Daniels Schulter gelegt.
Der Strahl prasselt auf sie hinab. Es ist beinahe wie ein kleines Sommergewitter. Nur ohne die drückende Schwüle.
Daniel streicht zärtlich über Viktors Schultern, zeichnet eines seiner unzähligen Tattoos mit den Fingern nach und lässt seine Hände dann tiefer den Rücken hinabgleiten. Es tut gut, ihm wieder so nahe sein zu können. So eine Fernbeziehung erfordert mehr Opfer als er zu Beginn angenommen hat.
"Ich liebe dich wirklich", seufzt Viktor. "Und ich würde die Situation gern ausnutzen, aber mir fallen gerade die Augen zu."
Daniel küsst Viktors Nacken, dann dreht er das Wasser ab, das so herrlich erfrischend war.
Heute Abend wird es kühler sein. Und dann ist Viktor hoffentlich wieder ausgeschlafen.