Kausalkette

Kapitel 1: Kausalkette

Eine Kausalkette ist eine Aneinanderreihung von Ereignissen, die jeweils das Nächste verursachen. Eine Kaskade an Ursache und Wirkung, die manchmal gar nicht so einfach zu stoppen ist und ab und zu auch in einem Gewaltdelikt endet. Viktor hat immer mal wieder damit zu tun, dass scheinbare Nichtigkeiten im Endeffekt strafrechtlich relevantes Verhalten auslösen. Dann ist nicht nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, interessant.

Aber Kausalketten und Ursachenkaskaden weben sich auch hinterrücks und heimtückisch durch das alltägliche Leben. Und ehe man sich versieht, hat man sich in einer verheddert.

"Ich geh mit dem Müll runter. Wirfst du bitte die Spülmaschine an?", ruft Christian aus dem Flur.

Heute ist mal wieder Großreinemachen in Viktors Wohnung angesagt.

"Mach ich!", gibt Viktor zurück und schlendert in die Küche. Er wirft einen Blick in den Geschirrspüler. Der ist zwar schon gut voll, aber er schafft es dennoch, ein weiteres Glas unterzubringen.

Als er die Packung mit den Tabs aus dem Unterschrank holt, fühlt sich die sehr leer an. Tatsächlich sind nur noch drei Stück in der Box. Viktor stellt sie auf der Arbeitsfläche ab und dreht sich zum Kühlschrank, auf dem die Einkaufsliste klebt. Der Kuli, der in der Krimskramslade zwischen Flaschenöffner, Gummibändern und Eierpicker liegt, ist leer.

Viktor malt ein paar Kringel auf das Papier, hinterlässt aber nur Druckspuren. Nein, damit kann er nichts mehr anfangen.

Er befördert den Stift in den Restmüll und beschließt, einen der überzähligen Kugelschreiber aus seiner Tasche zu holen.

Seine Messenger-Bag liegt im Wohnzimmer neben der Couch. Dort hat er sie gestern abgestellt, bevor er es sich mit Christian vor der Glotze bequem gemacht hat. Auf dem Couchtisch stehen noch die beiden Gläser. Die kann er gleich mit in die Küche nehmen.

Irgendwie schafft Viktor es, dass sich seine Beinprothese im Träger der Tasche verheddert. Er bemerkt es erst, als es schon beinahe zu spät ist und macht einen stolpernden Schritt vorwärts.

Der letzte Rest abgestandenes Cola, den Viktor gestern übriggelassen hat, ergießt sich auf den Parkettboden. Bevor er es verhindern kann, ist er auch schon reingetreten. Der Socken fühlt sich unangenehm feucht an.

Igitt.

Viktor stellt die Gläser auf den Esstisch und watschelt ins Badezimmer. Er möchte keine klebrig-nassen Flecken auf dem Fußboden hinterlassen.

Beide Socken landen in der Schmutzwäsche — nur mit einem Socken herumzulaufen würde sich seltsam anfühlen.

Die Tonne mit der dunklen Wäsche ist schon sehr voll. Stimmt. Er wollte heute eine Partie waschen. Das kann er aber auch jetzt gleich machen.

Viktor beginnt also damit, die dreckigen Sachen in die Waschmaschine zu stopfen.

Eigentlich …

Er sollte heute sowieso duschen. Es bietet sich an, seine aktuellen Klamotten gleich mit zu waschen. Sobald die Maschine läuft, hüpft er unter die Dusche und erledigt das auch.

Die Blechbox, in der Viktor sein Waschmittel aufbewahrt, ist so gut wie leer. Aber er ist sich sicher, dass in der Abstellkammer noch ein ungeöffneter Karton sein muss.

Während er die neue Box holt, fällt ihm auf, dass sich im Flur schon einiges an Schmutz auf dem Boden angesammelt hat. Und wenn er das Waschpulver umfüllt, geht sowieso immer etwas daneben. Da muss er auf jeden Fall nachher Staubsaugen …

~~~

Als Christian den Müll erfolgreich entsorgt hat und die Tür zu Viktors Wohnung wieder aufschließt, begrüßt ihn ein seltsamer Anblick. Viktor steht splitterfasernackt im Flur und saugt den Boden.

Er hinterfragt lieber nicht, wie Viktor es dieses Mal geschafft hat, vom Aufdrehen des Geschirrspülers zu dieser Situation zu kommen. Stattdessen geht er selbst in die Küche und wirft die vergessene Spülmaschine an.