Handicap
Kapitel 1: Handicap
Viktor hatte die Nacht kaum geschlafen. Auch wenn ein Großteil seiner Hand nicht schmerzte, an den Fingerspitzen funktionierten seine Nerven noch sehr gut. Verbrennungen taten einfach höllisch weh.
Er versuchte den Gedanken schnell von sich zu schieben. Es brachte nichts, jetzt darüber nachzudenken, es gab wichtigeres zu tun.
Gestern hatte das Handy in seiner Hand feuergefangen, während er darauf einen aktiven Tracking Spell laufen gehabt hatte — sehr zur Unfreude der Jäger. Sie hatten ihn gewarnt. Er hatte ihre Warnung ignoriert. Die verkohlte Hand war der Preis dafür.
Aber das, woran sie dran waren, war zu wichtig, um subtil und vorsichtig vorzugehen.
Außerdem war er es leid, sich von seiner Familie herumkommandieren zu lassen. Wenn die Jäger ein Problem damit hatten, dass er gegen sie ermittelte, dann sollte sie sich eben an die geltenden Gesetze halten.
Nichtsdestotrotz stellte die verbrannte Hand ein größeres Hindernis dar, als Viktor erwartet hatte.
Das begann schon damit, dass er am Morgen die Zahnpastatube kaum aufbekam. Zähneputzen mit links war aber auch ungewohnt. Seine Bewegungen waren weniger koordiniert und ungeschickt genug, dass er sich zwei Mal die Zahnbürste mit voller Wucht zwischen Zahnfleisch und Lippe rammte, bevor er den Dreh heraus hatte.
Es ging ähnlich unbefriedigend weiter.
Während Frisieren noch irgendwie möglich war, traute sich Viktor schlicht nicht zu, Mascara und Eyeliner mit links aufzutragen. Er würde heute wohl darauf verzichten müssen. Der Anblick im Spiegel war ungewohnt. Nackt.
Doch auch die Kleidung machte Probleme. Er versuchte erst gar nicht, seine enge Hose anzuziehen. Stattdessen schlüpfte er in seinen Rock. Einhändig ließen sich die Verschlüsse an der Hüfte mit einigem Gefummel verschließen. Nur die oberste Schnalle blieb offen. Zum Glück saß der Rock auch so.
Missmutig betrachtete er die beiden verbliebenen sauberen Shirts — er würde sich spätestens morgen wieder um gewaschene Wäsche bemühen müssen. Beide hatten Knöpfe — ob er die irgendwie mit einer Hand zubekam?
Viktor beschloss, sich das nicht anzutun. Dann würde er heute eben in seinem Schlafshirt herumlaufen. Es war draußen immer noch dermaßen heiß, dass das weite, leichte T-Shirt den Temperaturen sogar ganz angemessen wirkte.
Wirklich frustriert fühlte sich Viktor aber, als er in seine Stiefel schlüpfen wollte. Sie waren hoch genug, um seine Prothese zu verdecken und daher sein zum knielangen Kilt bevorzugtes Schuhwerk — weniger doofe Fragen und blöde Blicke.
Doch das wurde ihm jetzt zum Verhängnis. Das Anziehen selbst war schon schwierig, aber Viktor schaffte es nicht mal, eine der unzähligen Schnallen zu schließen, die sich seitlich an jedem Stiefel hinauf rankten.
Ihm blieb nichts anderes übrig, als stattdessen seine Sneaker zu nehmen.
Es fühlte sich unangenehm an, als würde er nur zur Hälfte bekleidet auf die Straße gehen.
Viktor war sich heute der Blicke, die ihm die anderen Leute zuwarfen, viel deutlicher bewusst als sonst. Selbst seine miese Laune, die sich deutlich auf seinem Gesicht widerspiegelte, hielt die anderen nicht davon ab, ihn immer wieder anzusehen.
In der U-Bahn hätte er sich am liebsten in irgendein dunkles Eck verkrochen. Es fühlte sich an, als wären die Augen des gesamten Waggons auf ihn gerichtet.
Beinahe fluchtartig verließ er sie drei Stationen später wieder und steuerte auf das hässliche Gebäude der Landespolizeidirektion zu.
Drei Stockwerke noch, dann würde ihn niemand mehr seltsam angucken. Er würde Daniel diskret bitten, ihm die Schnalle seines Rocks zu schließen und dann gemeinsam mit dem Rest besprechen, was ihre nächsten Schritte sein würden.
Die Verbrennung an der Hand konnte er auf die Art hoffentlich erneut für einige Stunden ignorieren.