Feuertaufe
Kapitel 1: Feuertaufe
Wien, 1993
Viktor steht barfuß auf dem kalten Steinboden. Er hat die Hände hinter dem Rücken verschränkt, so wie sein Vater es verlangt. Die Kerzen riechen nach Wachs und Rauch. Er weiß, dass er nicht husten darf, auch wenn es in Augen und Lunge brennt.
Das dunkle Gewölbe ist kühl. Gänsehaut breitet sich auf Viktors nacktem Rücken aus. Die anderen Burschen seiner Klasse spielen jetzt wahrscheinlich Fußball, aber als jüngster Sohn von Richard Jäger hat er andere Dinge zu tun, als sich mit solchen banalen Spielen zu beschäftigen.
Viktor ist nicht allein. Am anderen Ende des düsteren Raums sitzt sein Vater auf einem Stuhl — es ist kein Thron, trotzdem überblickt Richard Jäger sämtliche Personen, als wären sie seine Untertanen. Seine Beine sind übereinandergeschlagen, das Gesicht unbewegt.
Vinzent steht neben dem Vater — die Arme verschränkt, die Brauen düster zusammengezogen. Er sieht ruhig aus, sicher und unbeeindruckt.
Einmal mehr wünscht sich Viktor, er könnte ein wenig mehr wie sein großer Bruder sein.
Einige Meter davor kniet ein alter Mann auf dem Boden. Sein Gesicht ist durch eine Kapuze verdeckt. Er ist der Magier, dessen Name Viktor nie erfahren hat.
Auf einem kleinen Kohlebecken liegt das Eisen. Es glüht orange. Noch schläft es, noch ist die innewohnende Magie nicht aktiv.
Viktors nackte Zehen versuchen sich in den harten Boden zu graben — als könnte er einfach in der Erde versinken und verschwinden. Schweiß läuft über seine Schläfe, obwohl ihm kalt ist.
Er will, dass sein Vater einmal stolz auf ihn ist. Heute darf er nicht versagen.
Erneut bleibt sein Blick an dem Eisen hängen. Es sieht schwer aus. Und groß. Die Zeichen im Griff beginnen sanft zu leuchten. Wie es sich wohl anfühlen wird?
Er merkt, wie sich sein Magen zusammenkrampft und presst die Lippen aufeinander, damit ihm kein Schluchzen entkommt.
Bei den Schnitten, die ihm sein Vater und sein Bruder beigebracht haben, hat er geschrien. Die Magie darin fühlt sich heiß an unter seiner Haut. Sie lässt ihn weitermachen, auch wenn sein Körper schon vor Erschöpfung schreit.
Die heutige Augmentation wird eine andere Kraft verstärken. Sie befähigt ihn, mehr Magie in sich aufzunehmen und Dinge zu tun, die kein Anwender von Natur aus tun kann.
Viktors Herz schlägt ihm bis zum Hals. Er will zeigen, dass er groß ist. Dass er stark genug ist, um so etwas Besonderes zu tragen. Nur starke Körper halten die Zeichen aus.
Vinzent sieht zu ihm herüber, ohne ein Wort zu sagen. Sein Blick ist kalt und abschätzig, als würde er darauf warten, dass Viktor zu weinen beginnt.
"Vorwärts", sagt Vater. Seine Stimme ist leise, dennoch hallt sie im Gewölbe wider.
Viktor kann die Ungeduld darin fühlen. Er macht ein paar ungelenke Schritte auf den alten Magier zu. Seine Beine sind steif und fühlen sich fremd an, als wären sie aus Holz geschnitzt. Er spürt auch Vinzents Augen auf sich ruhen.
Welche wiegen schwerer? Die seines Bruders oder die seines Vaters?
Er weiß es nicht.
Der Magier hebt das Feuer aus dem Eisen.
Viktor bleibt stehen und wartet. Er beißt sich auf die Innenseite der Wange — so fest, dass er Blut schmeckt.
Als das Eisen seine Brust berührt, durchzuckt ihn ein Schmerz, der nicht hineinpasst in seinen kleinen Körper. Er hält die Luft an, damit ihm kein Laut entkommt. Er will nicht schreien — er darf nicht.
Seine Augen brennen, Tränen tropfen über sein Gesicht, seine Beine wackeln. Aber er steht.
Er steht und er gibt keinen Laut von sich.
Als es endlich vorbei ist, wagt er nicht nach unten zu sehen. Stattdessen suchen seine Augen den Blick seines Vaters.
Richard Jäger nickt. Er sieht beinahe zufrieden aus.
Endlich einmal hat Viktor ihn nicht enttäuscht.