Der ideale Feierabend

Kapitel 1: Der ideale Feierabend

Wie der ideale Feierabend für Viktor aussieht, kann er selbst nicht genau sagen. Das hängt nämlich immer von seiner Tagesverfassung ab.

An manchen Tagen hat er kaum Energie. Da ist alles zu viel Aufwand. An solchen Abenden ist Viktor froh, wenn Christian mitkommt. In dem Fall kann er sich zu Hause auf die Couch fallen lassen und Christian kümmert sich um alles, bestellt Pizza oder taut irgendetwas aus dem Tiefkühler auf. Dann sitzen sie nebeneinander mit den Kartons am Couchtisch oder jeder mit einem Teller auf einem Tablett am Schoß und gucken irgendeine Serie.

Viktor weiß, dass Christian es eigentlich überhaupt nicht mag, auf der Couch zu essen. Aber aufstehen und zum Tisch gehen braucht so viel Kraft, da verzichtet Viktor lieber gleich aufs Abendessen. Das weiß Christian natürlich, deswegen hat er auch irgendwann die luxuriösen Tabletts angeschafft. Sie haben einen Polster unten dran, damit sie gut auf den Oberschenkeln liegen und man wie auf einem eigenen kleinen Tisch davon essen oder auch einen Laptop darauf stellen kann. Viktor liebt die Dinger über alles und sie liegen immer im Regal neben der Couch.

Dann gibt es wieder Abende, an denen Viktor gar nicht weiß, wohin mit seiner Energie. Stillsitzen ist schwer. Er muss irgendwas tun.

In dem Fall kocht er meistens — manchmal alleine, manchmal mit Christian. Wenn Christian nicht mit dabei ist, befüllt Viktor mehrere Tupperdosen mit dem fertigen Essen. Einen Teil friert er ein, einen Teil bringt er Christian vorbei. Oder, wenn es eine Süßspeise ist, bekommt auch Mia am nächsten Tag etwas davon.

Kochen entspannt Viktor. Egal, ob mit oder ohne Christian. Aber mit ihm macht es deutlich mehr Spaß.

Sie sind ein gutes Team und haben sich zu zweit auch schon über komplexere oder wirklich langwierige Rezepte gewagt. Boeuf Bourguignon mit selbstgemachtem Baguette zum Beispiel — in der vegetarischen Variante, natürlich.

Viktor genießt es immer, wenn sie am Abend irgendwann bei ihm auf der Couch vorm Fernseher landen. Das hat schon Tradition. In Berlin haben sie mit den Videoabenden angefangen. Meistens mit Popcorn. Außer sie haben Pizza bestellt. Die wird aus Prinzip auf der Couch gegessen und da kann man ja gleich nebenbei schon damit anfangen, einen Film oder eine Serie zu gucken.

Wenn es nicht gerade eisiger Winter ist oder in Strömen schüttet — was in Köln leider recht oft der Fall ist — dann verbringt Viktor auch immer mal wieder einen Abend oben in seinem Dachgarten. Dort gibt es das ganze Jahr über irgendwas zu tun.

Christian hilft auch mit. Zwar nicht bei den Hochbeeten, aber an die Pflanztröge kommt er sehr bequem ran. Dann arbeiten sie Rücken an Rücken und unterhalten sich über Gott und die Welt. Eigentlich wie beim Kochen. Nur dass es nachher nichts leckeres zu Essen gibt.

Meistens hängen sie in Viktors Wohnung ab. Die ist einfach viel größer.

Als sie nach Köln gezogen sind, ist das Gebäude, in dem Christian jetzt lebt, noch nicht fertig gebaut gewesen und so hat er ein halbes Jahr bei Viktor gewohnt. Sein Zimmer heißt zwar offiziell 'Gästezimmer', aber eigentlich ist es immer noch Christians. Und er übernachtet auch mehrmals die Woche bei Viktor. Es ist einfach bequemer, wenn er nach dem Videoabend nicht mehr eine Viertelstunde nach Hause latschen muss, sondern einfach eine Tür weiter ins Bett fällt.

Bei Christian hängen sie auch ab und zu ab. Er wohnt nur fünf Minuten vom Polizeipräsidium entfernt. Von seinem Balkon aus sieht man direkt auf das Parkhaus der Polizei. Aber Christians Wohnung ist so viel kleiner als Viktors, dass Viktor dort eher selten übernachtet. Christians Couch kann man zwar auch ausziehen, aber wenn Viktor in der Nacht aus einem Alptraum hochschreckt — was leider häufiger passiert, als ihm lieb ist —, dann ist es schon einige Male passiert, dass er den Couchtisch mit seinen Armen oder seinem Bein abgeräumt hat.

Eigentlich, wenn Viktor so drüber nachdenkt, kann er zumindest eine allgemeingültige Aussage über seinen idealen Feierabend machen, egal was für einen Tag er hatte. Es ist tatsächlich ein bisschen wie ein Naturgesetz, das jeden einzelnen Bereich seines Lebens betrifft:

Egal was, mit Christian ist es besser.

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Christian weiß ganz genau, wie sein idealer Feierabend aussieht. Die Kurzfassung: Mit Viktor und einer Schüssel Popcorn unter einer kuscheligen Tagesdecke auf Viktors Couch vor dem Fernseher.

Christian hat sich die Woche sehr gut eingeteilt, damit er nicht nur alles erledigt, das zu erledigen ist, sondern eigentlich immer einen gemütlichen Abend verbringen kann. Sein Job macht ihm allerdings leider viel zu oft einen Strich durch die Rechnung.

Wenn nichts Außergewöhnliches passiert, dann ist er montags immer beim Zumba.

Sport ist nicht unbedingt seine Sache. Vor dem Fitnessstudio graut es ihm — überall der Schweiß von zig anderen Leuten. So viel kann er die Geräte gar nicht desinfizieren. Und als Viktor vorgeschlagen hat, Christian soll doch einfach mit ihm mit zum Laufen gehen, war ihm klar, dass er irgendwas tun muss. Er ist zwar der einzige Mann im Zumba-Kurs, aber das stört ihn nicht sonderlich. Die Musik macht Laune. Es ist irgendwie wie eine Party. Die anderen Damen sind allesamt nett und ab und zu gehen sie nach dem Kurs noch gemeinsam Essen. Egal ob mit oder ohne Restaurantbesuch, der Abend endet für Christian immer gleich. Dusche und dann am kürzesten Weg ins Bett.

Jede zweite Woche ist dienstags Waschtag. Dann wärmt er sich immer irgendetwas auf, das Viktor ihm gekocht hat und macht Hausarbeit. Seine Wohnung ist zwar nicht sonderlich groß — eine Wohnküche, ein Schlafzimmer, ein Badezimmer, eine kleine Abstellkammer und ein Balkon — aber Putzen muss er dennoch. Andere finden das vielleicht nervig, aber Christian mag Ordnung. Er mag es sauber. Und es fühlt sich gut an, wenn er sich darum kümmert, dass in seiner Wohnung wieder alles so ist, wie es sein sollte. Er kann dabei wirklich gut abschalten und entspannen.

Wenn nicht Waschtag ist, ist Teamabend. Wo der stattfindet, rotiert. Falls er bei ihm oder Viktor ist, dann kochen sie beide gemeinsam. Das findet Christian zwar nicht immer entspannend, aber es macht Spaß.

Mittwochs oder donnerstags ist er bei Viktor, denn der hat oft in der Mitte der Woche einen Hänger. Meistens geht es ihm nach einem Tag wieder gut, manchmal dauert es länger. Es ist nicht so, als könnte Christian die Uhr danach stellen, aber es kommt doch gerade in der kalten Jahreszeit häufig genug vor, dass er dieses Muster erkannt hat. Dann kümmert er sich darum, dass Viktor ein Abendessen hat und sie hängen einfach auf der Couch ab. Das findet Christian auch schön.

Meistens machen sie freitags und auch am Sonntag Filmabend bei Viktor. An einem Tag ist eine Serie dran, am anderen ein Film. Christian darf beinahe immer aussuchen, was sie gemeinsam gucken. Viktor ist in der Beziehung recht pflegeleicht. Solange er Popcorn am Schoß und eine warme Decke über den Beinen hat, wirkt er zufrieden.

Und Samstags? Da kommt Viktor zu ihm. Und wenn Christian Glück hat, bleibt er so lange, dass er auch hier übernachtet.