Feierabend
Kapitel 1: Feierabend
Es ist schon spät, als vor ihnen die Lichter von Leverkusen auftauchen. Den ganzen Tag haben sie die Kollegen in Dortmund unterstützt. Einer der Fae steht unter Verdacht, in einen Betrugsfall verwickelt zu sein. Da braucht es Fingerspitzengefühl und viel Erfahrung, damit die Situation nicht eskaliert.
Für Ersteres war vor allem Christian zuständig. Viktor hat primär durch Mundhalten unterstützt. Entsprechend anstrengend war dieser nicht enden-wollende Tag — hauptsächlich für Christian.
Viktor springt zum nächsten Track auf seiner Playlist. Harte Techno-Klänge dringen aus den Lautsprechern.
Auf dem Beifahrersitz ist Christian schon vor etlichen Kilometern eingeschlafen. Seine Hörgeräte sind deaktiviert. Solange der Bass nicht zu starke Vibrationen verursacht, kann Viktor seine Musik selbst mit maximaler Lautstärke hören, ohne ihn zu stören.
Viktors Finger trommeln im Takt auf das Lenkrad. Nur langsam weicht die Anspannung des Tages.
Immer mehr rote Lichter tauchen vor ihm auf. Sie sind noch nicht mal in Mühlheim, aber stecken schon im Stau. Eigentlich hatte er geplant, beim Autobahnkreuz Köln-Ost abzubiegen und dann weiter über die Frankfurter Straße hinter der Germania Siedlung vorbeizufahren. Aber vielleicht ist es doch angesagt, schon die Abfahrt Dellbrück/Holweide zu nehmen und sich dann auf Schleichwegen durchzuschlagen.
Viktor setzt diesen Plan in die Tat um. Tatsächlich ist auf dieser Route weniger los. Schon bald schlängelt sich die Straße zwischen Feldern und kleinen Wäldchen hindurch, als wären sie noch nicht längst auf Kölner Stadtgebiet.
Ihm kommt eine Idee. Wenn er schon quer durch Buchheim fährt, könnte er sich doch gleich ums Abendessen kümmern. Er hat keine Lust, sich heute noch lange in die Küche zu stellen und Christian geht es bestimmt ähnlich. Er blickt kurz hinüber auf den Beifahrersitz — ja, Christian schläft immer noch. Wahrscheinlich wird er erst aufwachen, wenn Viktor den Motor ausstellt oder ihn weckt.
Es ist ein kleiner Umweg. In Buchforst hinter dem Kalkberg befindet sich die Pizzeria, bei der Christian am liebsten bestellt.
Zwanzig Minuten Wartezeit nimmt Viktor gern in Kauf. Christians Pizza Caprese mit Büffelmozzarella, Pesto, Cherrytomaten und viel Basilikum ist frisch aus dem Ofen und in einer extra Tüte hat Viktor zwei Portionen Tiramisu dabei, als er sich wieder auf den Weg zurück zum Auto macht.
Beides landet hinten auf der Rückbank — gut gesichert, damit die Nachspeise beim nächsten Bremsmanöver nicht im Fußraum landet. Nicht, dass er plant, besonders aggressiv zu fahren.
Obwohl er ein Polizeibeamter ist, steht er trotzdem oft genug mit der Straßenverkehrsordnung auf Kriegsfuß und hat schon mehr Knöllchen angesammelt als Christian gut findet, aber das hat primär etwas mit doofen Geschwindigkeitsbeschränkungen und Halteverboten zu tun. Wenn er will, kann er ein sehr umsichtiger und rücksichtsvoller Verkehrsteilnehmer sein. Er hat nur eben nicht immer Lust dazu.
Heute allerdings fährt er besonders rücksichtsvoll. Einerseits wegen seines schlafenden Beifahrers und andererseits wegen des leckeren Abendessens, dessen Geruch schon nach kurzer Zeit den ganzen Wagen erfüllt.
Es ist auch wirklich nicht mehr weit. Je nach Verkehr fünf bis zehn Minuten, dann sind sie bei seiner Wohnung.
Das hier ist keine Autobahn mehr, keine Bundesstraße, nichts, wo man schneller fahren dürfte oder könnte. Viktor ist mit maximal vierzig Stundenkilometer unterwegs. Und dennoch sieht er die Bewegung nur einen Sekundenbruchteil, bevor es zu spät ist. Selbst seine magisch augmentierten Reflexe helfen da nicht mehr. Er erkennt nur, dass es ein Pixie ist, der ihm da voll gegen die Windschutzscheibe knallt. Viktor steigt sofort hart auf die Bremse.
Die Scheibe sieht aus wie nach einem Steinschlag. Ein Bereich, etwa so groß wie eine Zwei-Euro-Münze, ist eingedellt und milchig weiß geworden. Radiale Risse haben sich wie Blitzschläge von dem zentralen Aufprallpunkt ausgebreitet.
Fuck.
"Was ist los?", murmelt Christian. Das abrupte Bremsmanöver hat ihn offenbar aufgeweckt.
Viktor deutet stumm auf die beschädigte Scheibe.
Der Pixie ist nirgends mehr zu sehen. Offenbar hat er sich bei der Aktion nicht ernsthaft verletzt.
"Scheiße. Dafür muss ich einen Unfallbericht schreiben", dämmert Viktor. "Was nehme ich da als Begründung? Fahrerflucht durch Pixie? Das glaubt mir doch keiner."
"Was glaubt dir keiner?", fragt Christian. Seine Stimme klingt verschlafen, aber sein Blick ist wieder hellwach. Anscheinend hat er seine Hörgeräte erneut angestellt und einen Teil von Viktors Gemecker mitbekommen.
"Das da! Das glaubt mir keiner! Mir ist da so ein verfickter Pixie reingeknallt."
"Ein Pixie?", fragt Christian nachdenklich.
"Ein Pixie", knurrt Viktor bestätigend.
"Und wo ist er jetzt?"
"Hat Fahrerflucht begangen. Wenn man das bei einem beschissenen Flugobjekt überhaupt so nennt."
Christian wirft ihm einen missbilligenden Blick zu. Es ist mindestens so effektiv wie Captain Americas "Language, please!". Viktor murmelt eine Entschuldigung und versucht, den Ärger wieder verfliegen zu lassen. Es ist gar nicht so einfach. Was muss der doofe Pixie auch gänzlich ohne zu schauen hier langfliegen?
"Du schreibst in den Bericht einfach, dass du nicht weißt, was es war. Wahrscheinlich ein Ball", entscheidet Christian.
Ein kleiner Ball, denkt Viktor. Vielleicht ein Golfball?
"Sag mal, riecht es hier wirklich nach Pizza?" Christian dreht sich um. Als er den Pizzakarton auf der Rückbank entdeckt, beginnt er zu strahlen. "Abendessen! Wunderbar."
Viktor schluckt auch den letzten Rest Ärger runter. Gleich werden sie Zuhause sein. Dann gibt es Pizza, Tiramisu und welche Serie Christian auch immer sehen will. Den Bericht schreibt er morgen. Für heute haben sie beide Feierabend.