Der ewige Kampf

Kapitel 1: Der ewige Kampf

Viktor weiß, dass er sich gehen lassen hat. Ihm ist bewusst, dass er selbst schuld ist. Aber das macht die ganze Sache nicht besser.

Christian ist der einzige Grund, warum er heute hier ist. Er hat angerufen, er hat den Termin vereinbart. Für Viktor. Wie man es für ein Kind macht.

Trotzdem schämt sich Viktor nicht, sondern ist Christian dafür dankbar, dass er manche Dinge ohne viel Diskussion einfach macht.

Viktor weiß, dass das kein Problem ist, das ein "normaler" Mensch hat. Wobei wieder die Frage ist, wie man "normal" definiert. In diesem Fall wäre das jemand, der nicht mit ADHS zu kämpfen hat. Und mit all dem Scheiß, der im Laufe von Viktors Kindheit und Jugend in seinem Oberstübchen kaputt gegangen ist.

So oder so ist es manchmal einfach verdammt schwer, auf sich selbst achtzugeben. Er erledigt seinen Job — mit Hingabe und Enthusiasmus. Aber für ihn bleibt oft genug keine Energie mehr. Das hat nichts damit zu tun, dass er manchmal bis lange nach Mitternacht ermittelt. Es ist eher so, dass er am Sonntag die Augen öffnet und schon weiß, dass er heute nur das Minimalprogramm schaffen wird: Essen vom Tiefkühler in die Mikrowelle geben und aufs Klo gehen. Den Rest des Tages verbringt er mit Doomscrolling im Bett — es lebe das Smartphone.

Außer Christian kommt vorbei und leistet ihm Gesellschaft. Dann hängen sie beide im Wohnzimmer auf der Couch ab und zappen sich durch Netflix. Viktor erledigt auf die Art zwar auch nichts von alledem, was auf seiner mentalen ToDo-Liste steht, aber so hat er wenigstens nicht das Gefühl, dem Bed Rot verfallen zu sein.

Nach außen hin funktioniert alles. Viktor ist ein produktives Mitglied der Gesellschaft. Dass er oft genug mit sich selbst — oder besser: gegen sich selbst kämpft, bekommt so gut wie niemand mit.

Wenn die anderen Kollegen davon erzählen, dass sie am Abend noch ins Theater gehen, lächelt Viktor nur. Am Wochenende zu den Schwiegereltern, am Sonntag mit den Kindern raus in den Königsforst, um die Natur zu genießen. Montag trifft man sich mit Freunden, am Dienstag geht's ab ins Kino und donnerstags ist am Abend eine feucht-fröhliche Runde im Gasthaus geplant.

Eine Horrorvorstellung für Viktor.

Wie die anderen es dann zusätzlich noch schaffen, Arzttermine wahrzunehmen, Behördengänge am Nachmittag zu erledigen oder spontan irgendetwas zu unternehmen, ist ihm gänzlich unverständlich. Wenn er mehr als einen Termin pro Woche hat, kostet das extrem viel Kraft — und als "Termin" zählt für ihn auch ein geselliger Kinoausflug.

Christian hat nicht gefragt, warum Viktor es nicht schafft, für sich selbst einen Termin auszumachen. Viktor hätte darauf sowieso keine Antwort gehabt. Wie soll man jemandem erklären, dass so ein Anruf wie ein riesiger Berg erscheint, den man erklimmen muss? Beinahe unüberwindbar und ein solch anstrengendes Unterfangen, dass Viktor den Rest des Tages nichts Produktives mehr leisten kann.

Viktors Handy vibriert. Er zieht es aus der Tasche und sieht eine Nachricht von Christian.

Bist du schon dran?

Nein, antwortet Viktor. Warte noch

Du schaffst das . Ich bin stolz auf dich.

Warum ist das alles so verdammt schwer? Andere Menschen schaffen es doch auch, ihr Leben zu organisieren, Termine wahrzunehmen und sich um sich selbst zu kümmern. Für ihn fühlt sich jeder dieser Mini-Schritte wie eine Marathon-Etappe an. Nur dass die Erschöpfung nicht vom Laufen kommt, sondern vom ständigen Kampf gegen das eigene Hirn.

"Zephyr", ertönt eine Stimme vom Empfang her und verhindert, dass Viktor sich noch länger Gedanken macht. Endlich ist er an der Reihe.

Zum Glück muss er nur zweimal pro Jahr zur Mundhygiene.