Der kurze Dienstweg
Kapitel 1: Der kurze Dienstweg
"Mia, kannst du mir bitte die Akte GF-911093348 heraussuchen?", bat Christian.
Er stellte seine Teetasse neben seiner Tastatur ab, öffnete die zweite Schublade und holte drei Stück Würfelzucker heraus.
"Boss, die ist nicht im System. Das ist eine alte, von 1991, oder?"
Christian sah erstaunt von seiner Tasse hoch. "1991? So lange ist das schon her?"
Mia zuckte mit den Schultern. "Sieht so aus. Ist wohl noch nicht digitalisiert und liegt im Keller bei den Altlasten. Ich gehe gleich runter und hole sie."
"Ist nicht nötig. Danke." Christian war zwar nicht gerne im Keller, aber er hatte doch ein schlechtes Gewissen, Mia diese Arbeit aufzuhalsen.
"Ist überhaupt kein Problem, Boss. Ich weiß ungefähr wo ich nachsehen muss. Du würdest da unten bestimmt ewig suchen."
"Okay. Danke, Mia", stimmte Christian dann doch zu. Mia war oft und gern im Archiv. Wahrscheinlich würde sie die Akte tatsächlich deutlich rascher finden. Er konnte sich inzwischen wieder dem aktuellen Fall widmen.
Es dauerte fast eine Stunde, bis Mia wieder ins Büro kam — ohne Akten.
"Sorry, Boss. Die Akte ist nicht da. Kann es sein, dass die Strafsache gar nicht aus NRW ist?"
Christian sah Mia betreten an. Natürlich! Warum hatte er nicht schon früher daran gedacht? Der Fall war in Bayern aufgenommen worden. Somit konnte die Papierakte natürlich nicht im Kölner Polizeipräsidium im Keller liegen.
Aber Mia nahm es ihm zum Glück nicht übel, sie lachte nur. "Kann passieren. Mach dir deswegen keinen Kopf."
Christian seufzte. Es blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als sich hinters Telefon zu klemmen.
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"Erster Kriminalhauptkommissar Nguyen aus Köln. Ich rufe an, weil ich auf der Suche nach einer Papierakte aus dem Jahr 1991 bin, die noch nicht digitalisiert wurde."
"Einen Moment, ich verbinde."
Es tutete eine Weile und Christian befürchtete, dass sich die zuständigen Kollegen gerade auf Mittagspause befanden. Da knackte es endlich in der Leitung und eine gelangweilte Stimme meldete sich.
Christian spulte sein Sprüchlein erneut ab, erklärte, weswegen er die Akte brauchte und dass das Amtshilfeersuchen schon abgeschickt und auf digitalem Wege in München eingegangen sein musste.
Der Kollege am Telefon klang nur mäßig begeistert. Wahrscheinlich befand sich auch in München das Archiv im hintersten Winkel des Kellers.
"Ich melde mich wieder, wenn ich die Akte habe", versprach er.
"Danke. Wenn es heute noch möglich wäre …"
"Die Sache pressiert wohl", bemerkte der Münchner spitz.
Christian seufzte. "Ja, leider."
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Der Rückruf kam, als Christian mit Viktor in der Kantine saß und gerade seine Nachspeise genoss.
"Ist die Strafsache hier in München aufgenommen worden?', fragte der Kollege am anderen Ende der Leitung ohne viel Umschweife.
"Laut den Informationen, die ich habe, ist das in Straßbauer passiert", antwortete Christian wahrheitsgetreu.
Er hörte den Kollegen eine Weile tippen.
"Das gehört zu Memmingen. Entweder versuchen Sie's dort oder in Augsburg. Wir sind dafür nicht zuständig."
Christian unterdrückte ein Seufzen. "Danke für die Mühe."
Viktor warf ihm einen fragenden Blick zu. "Immer noch die Akten zu dem Wolpertinger?"
"Der meiner Meinung nach gar keiner ist. Aber ja. Ich versuche da seit heute Morgen dranzukommen."
Viktor zuckte mit den Schultern. "Ich kann auch so einfach hinfahren und versuchen, das Vieh einzufangen."
"Nein, ich organisiere dir die Akten", versicherte Christian.
Wie schwer konnte das schon sein?
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"Wir haben hier keine Papierakten mehr. Die sind damals für die Digitalisierung nach München geschickt worden", war sich die mäßig hilfreiche Kollegin aus Memmingen sicher, die Christian eine halbe Stunde später in der Leitung hatte.
"Dort habe ich schon angerufen. In München wissen sie von nichts."
Die Frau schnaubte abfällig. "'s wundert mich gar ned, dass die keine Ahnung haben …"
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"Guten Tag, mein Name ist Nguyen, Erster Kriminalhauptkommissar aus Köln. Ich bin auf der Suche nach der Papierakte GF-911093348. Mir wurde …"
"Haben Sie schon ein formelles Amtshilfeersuchen gestellt?", unterbrach ihn der Kollege aus Augsburg.
Christian knirschte mit den Zähnen, versuchte aber dennoch freundlich zu klingen. Er war es gewohnt, dass ihm sein Rang doch ein wenig mehr Kooperationswillen verschaffte. Aber heute schienen nur Regelfetischisten Dienst zu haben.
"Ja, habe ich. Und ich habe es auch schon heute um 9 Uhr abgeschickt."
"Zu uns?"
"Nach München." Christian schwante Übles.
"Schön, dann lassen Sie das Ersuchen bitte von München an uns weiterleiten."
"Ich kann Ihnen das Geschäftszeichen …"
"Wir müssen schon den Dienstweg einhalten, Herr Kollege", wurde Christian unterbrochen.
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"Schönen guten Tag. Erster Kriminalhauptkommissar Nguyen aus Köln am Apparat. Ich habe heute Morgen ein Amtshilfeersuchen gestellt, weil ich eine Papierakte aus bayrischen Beständen brauche. Offenbar liegt sie in Augsburg. Die Kollegen dort brauchen das Ersuchen auf dem offiziellen Dienstweg. Könnten Sie das bitte in die Wege leiten. Das Geschäftszeichen ist …"
"Es tut mir sehr leid, aber die zuständige Kollegin ist gerade aushäusig."
Christian hatte genug. Auf der Schwäbischen Alb war ein ganzes Dorf in heller Aufruhr und sie konnten nicht helfen, weil der Amtsschimmel heute offenbar besonders störrisch war.
Er holte seinen Dienstausweis aus der Brusttasche seines Sakkos und sperrte seinen PC. "Ich bin gleich wieder da", sagte er in den Raum hinein, sammelte die Schatten um sich und trat über.
Nur wenige Augenblicke später explodierten in München in einem großen, lichtdurchfluteten Eckbüro die Schatten und gaben Christian wieder frei.
Hinter dem Schreibtisch stand ein Mann. Er war Anfang sechzig mit weißen Haaren, einem entsetzten Gesichtsausdruck und einer gezückten Waffe.
"Nguyen, Erster Kriminalhauptkommissar aus Köln, Leiter der Spezialeinheit Spökenkieker", stellte Christian sich vor, während er dem Münchner Polizeipräsidenten seinen Dienstausweis zeigte. "Es tut mir leid, dass ich hier so unangemeldet hereinplatze, aber es geht leider nicht anders …"
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Viktor blickte immer noch auf die Stelle, an der eben noch Christian gestanden hatte. Er machte sich ein wenig Sorgen.
Christian war zwar ein sehr besonnener Mensch, aber er gehörte nicht unbedingt zu den geduldigsten Zeitgenossen und manchmal machte ihm sein Temperament einen Strich durch die Rechnung.
Er konnte nur ahnen, was Christian vor hatte. Hoffentlich war er nicht einfach nach Augsburg gereist, um sich die Akten einfach so aus dem Archiv zu holen.
Zehn Minuten später verdichteten sich die Schatten erneut und spuckten Christian wieder aus. Tatsächlich hatte er eine Handakte unter dem Arm geklemmt.
"Hast du die geborgt?", fragte Viktor vorsichtig.
"Nee", antwortete Christian, legte sie auf Viktors Tisch und verkündete: "Aber ich hab morgen ein Gespräch mit unsrem Polizeipräsidenten. Jetzt brauch ich erst mal eine große Tasse beruhigenden Tee."
Viktor konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Da hatte sich Christian wohl seinen ersten Verweis eingefangen, weil ihm die Bayern nicht schnell genug waren.