Ein ganz normaler Dienstag

Kapitel 1: Ein ganz normaler Dienstag

Es ist schon kurz nach neun Uhr, als Christian endlich aufstehen und den Raum verlassen kann. Nicht dass es seine Art ist, aus Meetings zu flüchten, aber Budget-Sitzungen … urgs. Leider gehört das ebenfalls zu seinen Aufgaben. Und heute hat er sich ganz bestimmt keine Freunde gemacht.

Es ist aber auch eine hirnverbrannte Schnapsidee, dass sie im nächsten Jahr 15% Reisespesen einsparen sollen. Die Herren und Damen Kollegen stellen sich das so einfach vor. Als würden Viktor und er immer in den teuersten Luxusabsteigen übernachten, wenn sie mal wieder quer durch Deutschland fahren müssen, um in Sachsen, München oder auf einer der Nordseeinseln Amtshilfe zu leisten.

Die Realität sieht normalerweise weit weniger glamourös aus. Zehn Stunden Autofahrt. Übernachtung am Rastplatz. Frühstück aus dem Supermarkt.

Als er frisch aus der Polizeischule gekommen ist, hätte er sie niemals vorgestellt, dass sein Alltag mal so aussehen würde. Aber als Leiter eines Kriminalkommissariats gehört leider auch eine gehörige Portion Verwaltungskram zu seiner Tagesplanung dazu.

Christians Laune bessert sich erst, als er in das Zimmer 403 im dritten Stock des Polizeipräsidiums betritt.

Koordinierungskommissariat Okkulte Kriminalität steht auf dem offiziellen Türschild. Der laminierte Zettel mit der inoffiziellen Bezeichnung SoKo Spökenkieker klebt direkt auf der Tür.

"Boss, Frau Feichtenstein wartet schon auf dich", informiert ihn Mia und deutet auf den Besprechungsraum, der direkt an das Großraumbüro anschließt.

Christian nickt ihr dankend zu, dann steuert er seinen Tisch an, um die Unterlagen mit der Budgetplanung für das nächste Jahr abzulegen. Die Akte des Falls, in dem Frau Feichtenstein als Zeugin befragt wird, liegt schon neben seiner Maus. Mia hat auch die Eckdaten für ihn nochmals kurz handschriftlich skizziert. Es bleibt wirklich nichts mehr für ihn zu tun, als mit der Frau zu sprechen.

"Wie lange wartet sie denn schon? Meinst du, ist noch Zeit …", fragt Christian und gestikuliert vage in Richtung Toiletten.

Mia nickt lächelnd. "Ich versorg sie einfach inzwischen mit einem Kaffee. Magst du auch etwas?"

"Ein Tee wäre nett", antwortet Christian dankbar.

"Warte! Ich komm mit!" Viktor springt auf und eilt Christian hinterher.

"Du, sag mal, wegen des geklauten Ohrrings … ich war mit Mia unten im Archiv, aber wir haben nichts gefunden. Bist du dir sicher, dass wir die Akten haben? Sonst fahr ich kurz rüber nach Siegburg und nerve die dortigen Kollegen ein bisschen", trägt Viktor sein Anliegen vor, während sie gemeinsam zur Toilette gehen.

Außerdem stimmen sie sich noch in zwei weiteren Fällen ab, an denen Viktor gerade recherchiert.

Das ist der Teil, den Christian an seinem Job mag. Auch wenn er selbst nicht überall an den Ermittlungen beteiligt ist, hat er doch einen groben Überblick über alles und das Gefühl, als würden bei ihm die Fäden zusammenlaufen.

Aber das, was ihm am meisten Spaß macht, ist die Interaktion mit den Menschen, das Verstehen der Beweggründe und das Durchschauen der Täuschungsmanöver. Darin ist er gut. Er passt sich an, versucht mit Zeugen ein Gesprächsniveau zu finden und wiegt die Verdächtigen in trügerischer Sicherheit.

Auch heute betritt er den Besprechungsraum, begrüßt die dort sitzende Frau freundlich und stellt sich vor. Ein ungezwungenes Gespräch folgt. Er versucht zu ergründen, wie sie sich fühlt — ist sie nervös? Hat sie vor ihm Angst? — und erst dann, wenn er sich sicher ist, dass sie bereit ist, ihm die Wahrheit zu sagen, stellt er die Frage:

"Was haben Sie gestern Abend zwischen zehn und zwölf gemacht?"