Brüder

Kapitel 1: Brüder

Viktor weiß nicht, wann es angefangen hat.

Christian war ihm gegenüber immer schon sehr hilfsbereit. Von dem Augenblick an, wo sie sich kennengelernt haben, hat er sich um Viktor gekümmert, als wären sie schon sei Jahren befreundet — dabei kannten sie sich erst wenige Stunden.

Viktor ist dem mit der gleichen Offenheit begegnet, die auch Christian an den Tag gelegt hat.

Warum?

Darüber hat er sich schon unzählige Male den Kopf zerbrochen. Sein bisheriges Leben war nicht unbedingt erfüllt mit Charakteren, denen man einfach so vertrauen sollte. Vorsicht und Geheimhaltung wurden ihm im wahrsten Sinne des Wortes von Kindheit an eingeprügelt. Trotzdem hat es sich einfach richtig angefühlt, bei Christian sämtliche Schutzmechanismen und Mauern abzubauen.

Sie leben zusammen in einer kleinen Wohnung in Berlin unweit der Oranienburger Straße, als Viktor klar wird, dass sich zwischen ihnen etwas entwickelt hat, dass ihre Umwelt verwirrt.

Viktor steckt noch mitten in der Ausbildung, während Christian schon vor einer Weile zum Leiter eines Teams der Mordkommission befördert wurde. Sie verbringen viel Zeit gemeinsam, hängen am Wochenende zusammen ab oder machen die Stadt unsicher. Ab und zu holt Christian Viktor von der Polizeiakademie ab. Öffentlich braucht er mehr als eine Stunde nach Hause, da ist er jedes Mal wirklich froh, wenn Christian es einrichten kann und mit seinem Dienstwagen vorfährt.

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"Sag mal, Zephyr, wer ist der Typ, der dich immer mal wieder abholt? Dein Freund?" Torben wackelt vielsagend mit den Augenbrauen. Viktor hat keinen Hehl aus seiner sexuellen Orientierung gemacht. Nicht jeder hat das gut aufgenommen. Torben gehört zu denen, die ihre Unsicherheit hinter Späßen und Sticheleien verbergen.

"Nein", antwortet Viktor knapp.

Was ist Christian?

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"Der Mann, zu dem du gestern ins Auto gestiegen bist, das ist doch der Kommissar, der letztens im Fernsehen war?", fragt Clara.

Viktor erinnert sich dunkel an eine Pressekonferenz, von der Christian irgendwann gesprochen hat.

"Seid ihr verwandt oder so?"

Sind sie das?

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"Der Termin für's Kino steht fest", verkündet Markus. "Treffpunkt ist Freitag zwanzig Uhr. Wer mit Begleitung kommt, bitte rechtzeitig Bescheid geben, dann reserviere ich entsprechend mehr Plätze."

Ein zustimmendes Gemurmel geht durch die Gruppe Polizeianwärter.

"Du könntest deinen Sugar-Daddy mitbringen und uns endlich mal vorstellen", sagt Markus an ihn gerichtet.

"Er ist nicht mein Sugar-Daddy", erwidert Viktor mit einer Mischung aus Trotz und Resignation.

"Was ist er dann?", hakt Markus nach.

"Mein Bruder", antwortet Viktor, ohne lange nachzudenken.

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Bruder.

Das ist das, was sein Bauch sagt. Christian ist sein Bruder. Eher als es Vinzent ist, mit dem er zwar dem Blute nach verwandt ist, mit dem ihn aber absolut nichts verbindet.

Bruder.

Ja, das fühlt sich richtig an.

Allerdings stellt Viktor das vor ein Problem. Christian möchte tatsächlich am Freitag mitkommen. Und die Bruder-Sache ist nicht mit ihm abgesprochen.

Wenn Viktor in seiner Zeit mit Christian eines gelernt hat, dann dass Christian keine Überraschungen mag. Er überlegt also, wann die beste Zeit ist, um das Gespräch darauf zu lenken.

"Chris", beginnt Viktor beim Abendessen.

"Hm …?", antwortet Christian ohne aufzuschauen.

"Ich bin mal wieder gefragt worden, ob du mein Freund bist."

Es geschieht leider so oft, dass es Christian offenbar nicht mal mehr ein Seufzen entlockt. Er nickt nur und isst unbeeindruckt weiter.

"Ich hab gesagt, du wärst mein Bruder."

Christian hält inne — die Gabel nur wenige Zentimeter von seinem geöffneten Mund entfernt. Jetzt sieht er Viktor doch an.

"Ich hoffe, das war in Ordnung."

Nach einem Moment beginnt Christian stumm wieder zu essen.

Viktor lässt ihm Zeit, auch wenn das Warten schwerfällt. Er selbst hat keinen Appetit und stochert nur lustlos in seinen Nudeln herum.

"Okay", sagt Christian irgendwann. "Die Kollegen haben mich auch schon gefragt, wer du bist."

"Also bin ich dein Bruder?"

Christian zuckt mit den Schultern. "Es fühlt sich so an, finde ich. Was meinst du?"

Viktor nickt nachdenklich.

"Ja, du bist wie ein Bruder für mich — mehr als mein leiblicher."

Von da an ist es einfach.

"Das ist Christian, mein älterer Bruder", stellt Viktor ihn am Freitag vor.

Clara fragt Christian über die Arbeit in der Mordkommission aus. Und weder Torben noch Markus machen von da an Bemerkungen, wenn Viktor mal wieder von Christian abgeholt wird.

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"Frank Schulze wird in zwei Monaten pensioniert. Haben Sie Vorschläge, wer sein Nachfolger werden soll?", fragt Christians Vorgesetzter.

"Ja, das habe ich", antwortet Christian. "Viktor Zephyr."

"Ist das nicht Ihr Bruder?"

Christian seufzt. Er hat schon befürchtet, dass ihnen diese Bruder-Sache irgendwann in den Hintern beißen wird.

"Nicht leiblich", erklärt er. "Wir sind sehr eng befreundet — so eng, dass wir irgendwann aufgehört haben, zu erklären, dass wir kein Paar sind. 'Brüder' war einfacher. Und so falsch ist es ja nicht — Viktor ist wie ein Bruder für mich."

"Okay", nickt Christians Vorgesetzter. "Trotzdem muss ich diese Frage stellen: Könnte das ein Problem werden, wenn Sie in heiklen Situationen Entscheidungen treffen müssen, die Ihren Freund betreffen?"

"Nein. Ganz im Gegenteil. Wir kennen uns und verstehen uns. Teilweise auch ohne Worte. Gerade in Krisensituationen wird das ein nicht zu unterschätzender Vorteil sein."

Zum Glück sieht das sein Vorgesetzter ähnlich. "Gut", sagt er. "Dann sprechen wir uns Ende des Jahres wieder und sehen, ob es wirklich so gut funktioniert hat, wie Sie denken."