Im Badezimmer

Kapitel 1: Im Badezimmer

Es ist knapp nach neun Uhr, als Viktor aus dem Bett fällt. Er ist eigentlich noch müde, was nach gerade mal vier Stunden Schlaf nicht weiter verwunderlich ist, aber er hat heute Vormittag einen Termin am Gericht. Da muss er pünktlich sein. Dem Richter ist es egal, ob er noch bis kurz vor fünf in alte Fälle vertieft war.

Viktor öffnet seinen Kleiderschrank. Christian hat ihn extra angewiesen, heute eines seiner Spießer-Hemden anzuziehen — nicht exakt mit diesem Wortlaut. Viktor kramt eine Weile zwischen Kilts und Shirts mit Nieten, Ledereinsätzen und sonstigen Gothic-Elementen. Aber keines seiner beiden einfachen, dunkelblauen Baumwollhemden hängt im Schrank.

Er gehört nicht unbedingt zu den ordentlichsten Zeitgenossen, also sieht er sicherheitshalber auch zwischen den T-Shirts nach und kontrolliert, ob die Hemden vielleicht vom Bügel gerutscht sind und am Boden des Schrankes liegen. Aber da ist nichts.

Scheiße.

Hat er die Dinger vielleicht noch gar nicht gewaschen?

Im Badezimmer wird er dann tatsächlich fündig. Ganz unten in der Wäschetonne liegen beide Hemden. Seit letztem Monat. Mist.

Viktor fischt sie heraus und riecht dann erst an dem einen und dann an dem anderen.

Sie riechen so, wie man es von einem getragenen Baumwollhemd erwarten kann, wenn es einige Wochen in der Schmutzwäsche verbracht hat.

Da hilft dann nur noch etwas Improvisation. Er wählt dasjenige aus, das am wenigsten zerknittert wirkt und legt es auf die Waschmaschine.

Dann holt er seine Räucherschale aus dem Wohnzimmer, spritzt etwas Deo hinein, fügt einen Teelöffel Waschpulver hinzu und vermischt alles mit einer großzügigen Prise Frischluft. Zuletzt hält er ein brennendes Streichholz darüber. Er schließt seine Augen und konzentriert sich. Den richtigen Augenblick zu erkennen ist dank seiner Ausbildung leicht. Mit einer moderaten Willensanstrengung zwingt er die Magie dazu, sich im Gewebe des Hemdes festzusetzen.

Das wird zwar nicht ewig wirken, aber bis — voraussichtlich — heute Nachmittag sollte er keinerlei Probleme mit unangenehmen Gerüchen haben.

Viktor schmunzelt, als er schließlich in das schmutzige Kleidungsstück schlüpft. Ein improvisiertes Beduftungsritual im Badezimmer. Wenn er Alexander davon erzählt, schlägt der sicher die Hände über dem Kopf zusammen.

~~~

Mia ist langsam dabei zu verzweifeln. Sie hat schon die gesamte Wohnung abgesucht, aber Marshmallow bleibt verschollen. Sie hat sämtliche Verstecke, in die sich das kleine Kätzchen normalerweise zurückzieht, kontrolliert. Doppelt. Sie ist auch mit dem Trockenfuttersack durch jeden Raum marschiert und hat ihn geschüttelt. Das Geräusch reicht an den meisten Tagen aus, dass Marshmallow wenige Sekunden später in die Küche geschossen kommt. Aber heute …

Wo kann sich so eine kleine Katze noch verstecken? Mit ihrem schneeweißen Fell sollte sie doch eigentlich gut sichtbar sein.

So lange ist Mia noch keine Katzen-Mami, also zückt sie ihr Handy, öffnet die Suchmaschine und tippt ein: Wo verstecken sich Katzen?

Sie findet sehr viele Tipps. An den meisten Orten hat sie schon nachgesehen. Einer springt ihr aber ins Auge. In der Wäsche.

Also geht sie ins Badezimmer, dreht das Licht auf und beginnt in der schmutzigen Wäsche zu wühlen. Tatsächlich findet sie bald ein weiches Fellknäuel zwischen gebrauchten Handtüchern und schmutziger Bettwäsche.

Ihr fällt ein riesiger Stein vom Herzen.

"Mensch, Marshmallow … Ich hab mir echt Sorgen gemacht. Du kannst dich doch nicht einfach so verstecken", seufzt sie.

Marshmallow schläft weiter. Sie hat von dem Trubel um ihre Person nichts mitbekommen.

~~~

Christian steht unter der Dusche. Nicht bei sich zu Hause, sondern bei Viktor. Er hat Viktor dabei geholfen, in seinem Dachgarten zwei Rosenstöcke umzutopfen. Danach war er nicht nur durchgeschwitzt, sondern auch erdig.

Er nimmt eine von Viktors bunten Seifen und riecht daran. Zimt, Apfel und Orange. Es duftet beinahe wie ein weihnachtlicher Tee. Oder der Apfelstrudel, den Viktor manchmal bäckt. Christian legt die Seife wieder zurück und greift nach dem kleinen hypoallergenen Duschgel, das für den Fall, dass er mal wieder Viktors Dusche benutzt, neben den Seifen steht.

Es riecht nach kaum etwas. Ein leicht bitterer Ton — inzwischen vertraut.

Christian seufzt. Schade, dass es das nicht ebenfalls mit einem angenehmen Geruch gibt. Aber man kann eben nicht alles haben.

Während er sich einseift und darüber nachdenkt, wie er Viktor dazu bringen kann, mitten im Hochsommer Apfelstrudel zu backen, spürt er eine Veränderung im Wasserdruck. Und dann verändert sich auch schon die Temperatur. Der Strahl wird um einige Grad wärmer — unangenehm warm.

Hastig korrigiert Christian die Wassertemperatur.

Hat Viktor die Waschmaschine angemacht? Er weiß doch, dass Christian gerade duscht. Durch das milchige Glas hindurch sieht er keine dunkle Gestalt im Badezimmer. Ob die Waschmaschine läuft, kann er leider nicht erkennen. Seine Hörgeräte hat er zum Duschen herausgegeben und solange die Maschine die Wäsche nicht schleudert, verursacht sie zu wenig Vibrationen, um etwas zu spüren.

Gibt es heute Arbeiten an der Wasserleitung?

Christian beendet seine Dusche so rasch wie möglich. Er möchte nicht noch halb eingeseift sein, wenn eventuell irgendwer das Wasser zur Gänze abstellt.

Als er die Tür der Duschkabine öffnet, sieht er, dass das Display der Waschmaschine tatsächlich leuchtet.

Er trocknet sich ab, gibt seine Hörgeräte wieder hinein und wickelt sich ein trockenes Handtuch um die Hüfte, bevor er die Tür öffnet.

"Viktor! Warum hast du die Waschmaschine angemacht, während ich dusche? Du weißt doch, dass ich das nicht mag."

"Sorry", schallt es aus der Küche zurück. "Hab ganz vergessen gehabt, dass ich für heute Nachmittag eine dunkle Partie programmiert habe!"

Programmiert? Christian seufzt und beäugt die Waschmaschine skeptisch. Seit wann muss man Waschmaschinen programmieren?

Neumodischer Kram …