Alexander und die Empfangsdame

Kapitel 1: Alexander und die Empfangsdame

Wind kommt auf. Er lässt die Zettel auf dem Tisch der Empfangsdame rascheln, zerzaust ihre Haare und bringt die Swarovski-Kristalle, die von der Decke hängen, zum Klingen. So rasch, wie der Wind an Stärke gewonnen hat, so rasch ebbt er wieder ab. Zurück bleibt ein Mann mit grauen Haaren und Bart, bekleidet mit einem maßgeschneiderten burgunderroten Anzug.

Die Empfangsdame hat weder aufgeblickt noch das Erscheinen des Neuankömmlings irgendwie anders zur Kenntnis genommen.

"Professor Alexander Schachner", stellt er sich vor. "Elion Sonnenflug hat mich um meine Anwesenheit gebeten."

Jetzt endlich scheint die Empfangsdame Alexander wahrzunehmen. Sie lächelt freundlich, aber ihre Augen bleiben ausdruckslos. "Nehmen Sie bitte Platz. Unser Anwälte befinden sich gerade in einer wichtigen Besprechung. Sie haben sicher gleich Zeit für Sie."

Alexander seufzt. Er weiß, dass das ein Machtspiel ist. Wahrscheinlich sitzt Elion in seinem Büro und beobachtet ganz genau, was gerade hier im Wartezimmer geschieht.

Es hat keinen Sinn, mit der Empfangsdame zu streiten. Er nutzt seine Zeit lieber anderweitig.

Während sich die Empfangsdame wieder ihrem Computer widmet — irgend so ein weißes, modernes Ding, das sicher eine Stange Geld gekostet hat — , beobachtet Alexander sie.

Sie starrt auf den großen Monitor. Ihre Hände liegen entspannt auf Maus und Tastatur.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würde sie lesen. Aber ihre Augen bewegen sich nicht. Nichts an ihr bewegt sich. Sie sitzt absolut still. Alexander kann nicht mal sicher sagen, ob sie atmet.

Langsam hebt er seinen Stock und blickt durch den farblosen Bergkristall, der anstelle eines Griffs auf dem Gehstock thront.

Das Bild, das sich ihm darstellt, ist zwar nicht unerwartet, aber unbefriedigend. Die Empfangsdame ist ein ganz normaler Mensch.

Doch Alexander weiss, dass das nicht sein kann. Christian hat ihm berichtet, dass sie keinen Schatten hat, ja, dass sie für die Schatten gar nicht existiert!

So leicht gibt er sich nicht geschlagen.

Er sendet einen sanften Hauch in ihre Richtung. Die Luft umfließt sie behutsam, schmiegt sich an den Körper und ... kann auch keine anderen Informationen liefern, als dass die Empfangsdame ein stinknormaler Mensch ist.

Alexander lehnt sich bequem zurück. Er achtet darauf, dass er möglichst stabil sitzt. Dann schließt er seine Augen und wendet die Konzentration auf, die Nötig ist, um sein drittes Auge zu öffnen.

Die Welt um ihn explodiert in Farben, Formen und Gerüche, die nicht für den menschlichen Geist geschaffen sind. Jedes Mal aufs Neue ist Alexander überrascht, dass es Menschen - und auch Fae - gibt, die dabei nicht den Verstand verlieren. Oder zumindest das Bewusstsein.

Auch er braucht einen Moment, bevor er nicht mehr das Gefühl hat, von dem Chaos mitgerissen zu werden.

Ein dicker Strang Information manifestiert sich dort, wo auf der weltlichen Ebene der Computer steht. Dieses Gerät ist also tatsächlich funktionstüchtig.

Auch das Telefon, das prominent auf dem Schreibtisch platziert steht, zeigt sich als Ansammlung von Kommunikationsmöglichkeiten.

Dort allerdings, wo die Frau mit dem freundlichen Lächeln und den toten Augen sitzt, ist …

Wie ein elektrischer Schlag schnalzt Alexanders von der weltlichen Ebene abgetrennte Wahrnehmung wieder zurück. Sein ganzer Körper zuckt zusammen. Für einen Moment glaubt er, den wütenden Blick der Empfangsdame auf sich zu spüren. Aber bevor er seine weltlichen Sinne auf sie richten kann, ertönt Elion Sonnenflugs samtiger Bariton.

"Was ist denn hier passiert? Verzeihen Sie vielmals, Professor Schachner. Es lag natürlich nicht in meiner Absicht, Sie warten zu lassen." Elion gestikuliert einladend." Wenn Sie so nett wären, mir in mein Büro zu folgen.

Interessant.

Was auch immer die Empfangsdame wirklich ist, sie genauer untersuchen zu wollen, reicht offenbar aus, um Elion direkt auf den Plan zu rufen.

Das muss er sich auf jeden Fall merken, wenn er mal wieder keine Lust auf langes Warten hat.