Advent(s)kalender

Kapitel 1: Advent(s)kalender

Es ist Viktors erstes Weihnachten, seitdem er mit Christian zusammenwohnt. In seiner Familie haben sie nie Weihnachten gefeiert. Sein Vater hat nicht viel davon gehalten. Richard Jäger ist vieles, aber sicher kein Christ. Und so war das einzige Weihnachtsfest, an dem er jemals teilnehmen durfte, damals mit sechzehn oder siebzehn bei Daniel. Er denkt immer noch gern daran zurück.

Aber das stellt ihn jetzt vor ein neues Problem.

Wie feiert Christian Weihnachten?

Feiert Christian überhaupt Weihnachten?

Bis jetzt sieht es nämlich nicht danach aus. Es ist inzwischen der 18. Dezember und in Christians kleiner Wohnung gibt es weder einen Adventkranz - oder Adventskranz, wie man hier dazu sagt - noch irgendeine Art von weihnachtlicher Deko.

Das allein wundert ihn nicht sonderlich. Christian ist kein großer Freund von Kitsch oder Staubfängern. Dinge, die nur deswegen rumstehen, weil sie nett anzusehen sind, kommen ihm nicht ins Haus. Und ein Adventkranz - egal ob mit oder ohne zusätzlichem s - würde auf jeden Fall in diese Kategorie fallen.

Aber Christian rümpft auch jedes Mal die Nase, wenn es im Radio schon wieder dieses "nervige Gedudel" spielt, wie er "Last Christmas" und Co. nennt.

Wie kann er herausfinden, ob Christian grundsätzlich etwas gegen Weihnachten hat oder nur etwas gegen die damit verbundene Konsumwut und künstliche Fröhlichkeit?

Er traut sich nicht, ihn direkt zu fragen.

Das ist blöd, das weiß er selbst auch. Aber … er hat Angst vor Christians Antwort. Denn er will sehr wohl Weihnachten feiern. Und zwar so richtig. Mit geschmücktem Baum, unzähligen Kerzen und Sternspuckern, so wie damals bei Daniel.

Am liebsten würde er auch einen echten Weihnachtsmarkt besuchen.

Was, wenn Christian das alles auch scheiße findet?

Bis zum Morgengrauen wälzt er sich von einer Seite auf die andere.

Wie kann er Christian ganz vorsichtig signalisieren, dass er an Weihnachten teilhaben möchte? Zumindest ein bisschen.

Die Erleuchtung kommt Viktor im Supermarkt.

Da er nicht besonders viel Geld hat, geht er gern im Diskonter einkaufen. Und der hat heute alle noch nicht verkauften Schoko-Adventkalender - Adventskalender, an das zusätzliche s wird er sich wohl nicht so rasch gewöhnen - um 50% verbilligt.

Und Christian ist eine notorische Naschkatze.

Ein Plan reift in Viktors Kopf.

~~~

Als Christian am Abend nach Hause kommt, führt sein erster Weg unter die Dusche. Heute wurde eine Leiche in der Müllverbrennungsanlage Ruhleben gefunden. Er ist den halben Tag zwischen Bergen von Abfall herumgestiegen. Der süßlich-faulige Geruch hat sich in jede seiner Poren gefressen.

Zweimal wäscht er sich seine Haare, bis er das Gefühl hat, wieder einigermaßen sauber zu sein.

Igitt.

Als er dann im Bademantel endlich ins Wohnzimmer zu Viktor schlurft, sitzt der mit zwei Tassen Tee am Tisch und wartet auf ihn.

Dankbar setzt sich Christian dazu und nimmt sich seine Tasse.

Es dauert einen Moment, dann fällt ihm auf, dass da ein Ding an der Wand hängt, das er nicht kennt.

Es sieht auf den ersten Blick aus wie ein Bild aus einem der Kinderbücher, die er als Kind hatte. Unzählige fröhliche Kinder mit roten Bäckchen laufen auf einem zugefrorenen See Schlittschuh. Rund um den See stehen schneebedeckte Tannenbäume. Einer davon wird gerade von lächelnden Engelchen mit blonden Haaren geschmückt.

Auf den zweiten Blick entpuppt sich das seltsame Bild als ein Adventskalender.

Er sieht Viktor verwirrt an.

"Ich hab mir einen im Abverkauf geholt. Aber wir haben schon den 18. Magst du die ersten achtzehn Türchen öffnen? Für mich wäre das viel zu viel Schokolade auf einmal", sagt Viktor.

Christian nickt. Schokolade ist immer gut, da ist er nie abgeneigt.

Viktor steht auf, hängt den Adventskalender ab und bringt ihn zu Christian.

Das erste Türchen ist rasch gefunden.

Christian steckt sich den kleinen Schokostiefel in den Mund und denkt nicht darüber nach, dass der Nagel vorher dort noch nicht in der Wand gesteckt hat.

Die Schokolade schmeckt süß. So wie damals, als er noch ein Kind war und sein Vater jedes Jahr einen Adventskalender für ihn besorgt hat.

Christians Laune bessert sich mit jedem Schokostückchen, das er verdrückt. Als er das letzte Türchen sucht, scheint ihm selbst die Leiche im Müll nicht mehr ganz so schlimm.

Er verbringt einen netten Abend mit Viktor, bevor sie beide müde ins Bett fallen.

Am nächsten Morgen frühstücken sie wie immer zusammen. Christian löffelt sein Müsli, während sich Viktor an seiner Tasse Kaffee festhält.

"Mir ist heute nicht nach Schokolade", gesteht Viktor. "Magst du den 19er suchen?"

An und für sich hätte Christian schon Lust, aber … "Vielleicht steht dir heute Abend der Sinn mehr nach Schoko."

Viktor schüttelt den Kopf mit Nachdruck. "Nope, sicher nicht."

"Okay, dann vielen Dank." Christian steht auf und geht zum Adventskalender. Das Türchen mit der Nummer 19 ist rasch gefunden. Dahinter verbirgt sich ein Stern. Er schmeckt herrlich und weckt nostalgische Gefühle.

Auch am nächsten Morgen verzichtet Viktor auf seine Schokolade. Und am übernächsten ebenso.

Christian sitzt gerade mit seinem Partner im Auto. Sie fahren ein weiteres Mal zur Müllverbrennungsanlage. Da wird Christian etwas klar.

Der Adventskalender hängt auf Augenhöhe.

Auf seiner Augenhöhe.

Und das, obwohl Viktor ihn aufgehängt hat. Viktor, der über 1,9 Meter groß ist, hat den Adventskalender so niedrig aufgehängt, dass Christian mit seinen gerade mal 1,53 Meter Körpergröße angenehm rankommt.

Das ist nicht Viktors Adventskalender.

Das ist seiner.

Am Heimweg macht Christian einen Sprung in den Supermarkt seiner Wahl. Viktor steht zwar nicht so auf Süßkram, aber Christian weiß genau, womit er ihm eine kleine Freude machen kann.

An diesem Abend steht ein kleiner, etwa 40 Zentimeter hoher Weihnachtsbaum aus Kunststoff auf dem Tisch im Wohnzimmer, als Viktor nach Hause kommt.

Allein Viktors Gesichtsausdruck, als er das Unding entdeckt, ist es allemal wert, dass Christian den Anblick die nächsten beiden Wochen ertragen muss.

Im nächsten Jahr hängt schon am ersten Dezember ein Adventskalender mit fröhlichen Engelchen, die Plätzchen backen, am Nagel. Und Viktor tut nicht einmal mehr so, als hätte er den für sich gekauft.

Dafür stellt Christian den kleinen Baum wieder auf den Tisch.

Es wird zu einer liebgewonnenen Familientradition. Bis sie beide nach Köln ziehen. Dort hat Viktor endlich eigene vier Wände mit genug Platz für einen echten Baum.

Der Kunststoffbaum bleibt bei Christian und sorgt in seiner Wohnung für Weihnachtsstimmung.