Urlaub im Norden

Kapitel 2: Urlaub im Norden

"Scheiße", flucht Viktor aus tiefstem Herzen.

Sie sind noch nicht mal aus Köln draußen und stecken schon im Stau.

"So ein Scheiß", betont er nochmals.

Und damit gar keine Zweifel bleiben, fügt er noch ein herzhaftes "Fuck" hinzu.

Am Beifahrersitz schnaubt Daniel nur amüsiert.

"Was machen die ganzen Wixer jetzt auf der Straße?", beschwert sich Viktor. Natürlich ist das nur eine rhetorische Frage, um sich ein wenig Luft zu verschaffen.

Daniel beantwortet sie dennoch schmunzelnd: "Wahrscheinlich das, was ab fünf alle machen. Nach Hause fahren."

Viktor hatte gehofft, dass sie vor der Rush Hour zumindest aus der Stadt raus sind, vielleicht sogar Leverkusen hinter sich haben. Stattdessen haben sie es nichtmal bis zur A3 geschafft.

"Hübsch hier", stellt Daniel fest und bewundert den Mühlheimer Friedhof zu ihrer rechten — oder das, was man davon sehen kann: Bäume und dichtes Buschwerk.

Viktor weiß, dass er sich nicht so aufregen sollte, aber er tut sich schwer, Daniels Beispiel zu folgen.

"Möchtest du Musik hören?", fragt Daniel plötzlich.

Viktor gibt ein zustimmendes Brummen von sich.

"Wir machen Auto-Karaoke. Ich wähle random einen Sender und egal, welches Lied es dort spielt, du musst mitsingen. Danach bist du an der Reihe", schlägt Daniel vor.

Viktor sieht ihn zweifelnd an. "Das willst du nicht."

Aber Daniels Grinsen wächst in die Breite. "Wenn du die Lyrics nicht weißt, improvisierst du einfach irgendwas."

"Du erinnerst dich noch an den Musikunterricht?", hakt Viktor nach.

Doch auch das scheint Daniel nicht abzuschrecken. "Natürlich", antwortet er.

"Na gut. Dann mach."

Daniel fummelt kurz am Autoradio herum, dann ertönt tatsächlich Musik.

Taylor Swift. Oder Ariana Grande. Oder ist das Billie Eilish? Viktor hat keine Ahnung. Das ist nicht seine Musik. Er hat also auch keinen Plan, wie der Text eigentlich lautet.

Er wirft Daniel noch einen herausfordernden Blick zu und schon erfüllt seine Stimme das Auto — ein wenig schräg, nicht hundert Prozent im Takt, aber mit viel Enthusiasmus.

Wir stehen hier in Köln im Stau

Der Himmel blau, die Straße grau

Wollten doch nach Hamburg rauf

Doch hier geht 's nicht weiter — Mann, hör auf

Oh-oh, wir wollten nur ans Meer

Oh-oh, der Weg ist viel zu schwer