Rache ist süß

Kapitel 2: Rache ist süß

Das Abendessen war einfach, aber gut. Nudeln mit Tomatensauce und Gemüse für Viktor, Rinderbraten mit Spätzle für Gerrit. Sie saßen in einer Ecke des Speisesaals, ein wenig abseits der größeren Gruppen, wo es ruhiger war. Während des Essens unterhielten sich Viktor und Gerrit kaum. Sie wechselten ein paar Worte über die Vorträge des Tages, ein paar ironische Bemerkungen über die Qualität des Kaffees. Jeder war mit seiner eigenen Mahlzeit beschäftigt.

Erst als sie mit dem Essen schon fast fertig waren, legte Gerrit plötzlich sein Besteck beiseite und sagte leise: "Der Typ sollte eigentlich nicht einfach so davonkommen."

Viktor sah irritiert auf. "Welcher Typ?"

Gerrit deutete mit dem Kinn auf einen der Nachbartische. "Der da."

Viktor folgte der Geste und entdeckte den Vortragenden von heute Morgen. Er hatte die Jacke ausgezogen, saß in Hemdsärmeln da und redete mit ein paar seiner Kollegen, die mit ihm an dem Tisch saßen. Als er Viktors Blick spürte, wandte er den Kopf. Er grinste breit und prostete ihm mit seinem Glas zu.

Unangenehm berührt, sah Viktor wieder zu Gerrit. "Was soll das jetzt?"

"Schau nochmal hin", sagte Gerrit ruhig.

Gerade hatte der Mann damit begonnen, seine Nachspeise zu essen – Tiramisu, wie auch Viktor und Gerrit es gerade vor sich stehen hatten. Er schob sich einen großen Löffel in den Mund, dann noch einen. Plötzlich hielt er inne, runzelte die Stirn und wirkte verwirrt. Deutlich vorsichtiger nahm er erneut etwas Tiramisu auf seinen Löffel, kostete vorsichtig davon und … schien auf einmal zu schwitzen. Ein Hauch von Rot breitete sich auf seinen Wangen aus und wurde immer kräftiger, bis er aussah, als stünde er kurz vor einem Kreislaufkollaps.

"Was …?", murmelte Viktor. Skeptisch beäugte er seine eigene Nachspeise und probierte ebenfalls von seinem Dessert. Es schmeckte ganz normal. "Hast du was gemacht?"

Gerrit grinste breit, schob sich einen großen Löffel Tiramisu in den Mund und versuchte so unschuldig wie möglich dreinzuschauen.

Viktor ließ sich davon nicht täuschen. Er wartete weiterhin auf eine Antwort.

"Sagen wir so: ein bisschen Gerechtigkeit hat noch nie geschadet."

Viktor erinnerte sich daran, dass sie beim Buffet direkt hinter dem Mann gestanden hatten. Für Gerrit wäre es ein Leichtes gewesen, etwas Feenstaub über dessen Nachspeise zu verteilen.

Er seufzte und rieb sich die Stirn. Es lag natürlich in der Natur eines Pixies auf diese Art und Weise Rache zu nehmen. Aber eigentlich war es eines Staatsanwalts nicht würdig. Und auch nicht eines Kriminaloberkommissars. Trotzdem konnte Viktor nicht abstreiten, dass der inzwischen am Nachbartisch ausbrechende Tumult ihn mit Genugtuung erfüllte.

~~~

Der Aufzug war fast voll, als sie einstiegen. Viktor lehnte sich an die Rückwand, Gerrit stand neben ihm. Gerade als sich die Türen schließen wollten, schob sich noch jemand dazwischen: der Vortragende. Er drängte sich in den ohnehin schon engen Raum, blieb mit dem Rücken direkt vor Viktor stehen.

Da bemerkte Viktor die Magnetkarte in der Gesäßtasche des Mannes.

Sein Blick glitt kurz zu Gerrit, der mit verschränkten Armen an der Seite lehnte und ihn nur mit einem amüsierten Zucken der Mundwinkel ansah – wie eine stumme Aufforderung. Na, mach doch.

Er war technikaffin und kannte die Eigenheiten der billigen Magnetstreifenkarten, die viele Hotels verwendeten. Manche Smartphones konnten den Streifen schon allein durch ihre NFC-Antenne stören, wenn man sie lange genug in unmittelbarer Nähe hielt. Er wollte allerdings auf Nummer sicher gehen.

Er zog sein Smartphone aus seiner Tasche, wählte den Festnetzanschluss seiner eigenen Wohnung aus und wartete einen Augenblick. Dann hielt er das Handy so nah wie möglich an die Gesäßtasche des Mannes, als sich der Anruf aufbaute und sich sein Anrufbeantworter meldete.

Niemand im Aufzug schien etwas zu bemerken. Der Vortragende stand nur da, ahnungslos, und sah auf die Stockwerksanzeige.

Viktor verstaute sein Smartphone wieder, als wäre nichts gewesen.

Die Türen öffneten sich in ihrem Stockwerk. Auch der Vortragende stieg hier aus. Er ging ein paar Schritte voran, Gerrit und Viktor folgten ihm schweigend. Alle drei zückten ihre Magnetkarten. Viktor zog seine durch den Schlitz, ein grünes Licht leuchtete auf und der Mechanismus entriegelte die Tür.

Neben ihm hingegen gab es ein Piepen. Aus dem Augenwinkel sah er das rote Licht aufleuchten. Der Vortragende versuchte es ein weiteres Mal — vergeblich.

Als sich die Zimmertür hinter Viktor schloss, stand der Mann immer noch draußen am Flur und kämpfte mit dem Gerät.

~~~

Der Frühstücksraum war gut gefüllt. Viktor hatte sich ein Müsli mit frischem Obst geholt, Gerrit saß bereits mit Rührei und Speck am Tisch.

"Was machen wir heute?", fragte Gerrit zwischen zwei Bissen, als Viktor sich setzte.

"Was meinst du?" wollte Viktor wissen.

Gerrit deutete mit dem Kopf auf einen der anderen Tische und grinste breit.

Statt sich umzusehen, zog Viktor die Augenbrauen hoch. "Du willst ihm noch einen Streich spielen? Ist das nicht langsam ..."

"Genug?" Gerrit lehnte sich zurück. "Absolut nicht. Er soll bloß nicht glauben, dass er mit so einem Verhalten durchkommt. Ein bisschen pädagogisch wertvolle Intervention schadet nicht."

Viktor schüttelte grinsend den Kopf. Vielleicht war es tatsächlich gar keine so schlechte Idee, die Sache wie ein Pixie anzugehen. "Was schlägst du vor?"

Gerrit schob seinen Teller beiseite. Der kalt werdende Speck war plötzlich nicht mehr wichtig. "Heute Vormittag ist wieder Seminar. Du kannst doch diesen kleinen Technikzauber …"

"Welchen?"

"Na, den, mit dem du die Boxen der KTU neulich zum Kreischen gebracht hast."

Viktor grinste schief. "Das war ein Versehen." Er hatte tatsächlich nur etwas demonstrieren wollen und nicht damit gerechnet, dass sich mehr als ein kleiner Lautsprecher in dem Raum befunden hatte.

"Ja, ja. Das kannst du Christian erzählen. Ich weiß ganz genau, dass du die Rückkopplung absichtlich ausgelöst hast."

Viktor verdrehte die Augen. "Egal. Was hast du im Sinn?"

"Wir werden dafür Sorgen, dass ihn das Mikro heute nicht mag."

~~~

Gerrits Plan war nicht schlecht, aber die Durchführung brauchte ein wenig Fingerspitzengefühl. Normalerweise hätte er einen Gegenstand genommen und den Zauber darauf verankert. Jedes Mal, wenn dieser Gegenstand sich dann dem Mikrophon oder den Boxen genähert hätte, hätte es eine Rückkopplung gegeben. Doch dieses Mal wusste er nicht, was er dafür nehmen sollte. Das Handy des Vortragenden wäre perfekt gewesen, aber darauf hatte er keinen Zugriff.

Zum Glück hatte Gerrit eine Idee.

Während Viktor noch damit beschäftigt war, die Zutaten für das kleine Ritual zu sammeln, hatte er irgendwoher ein dreiblättriges Kleeblatt aufgetrieben.

"Du hast die Magie, ich die Fingerfertigkeit. Es wird perfekt werden", rieb sich Gerrit die Hände.

Viktor begab sich auf den kleinen Balkon, der zu Gerrits Zimmer gehörte. Dort vermengte er ein paar Tropfen Essig, den er aus der Küche geborgt hatte, mit einem Stückchen zerbrochenem Glas, einigen Kieselsteinen und etwas Kupferdraht. Dazu kam eine ordentliche Portion Weißes Rauschen und ein wenig des hier vorherrschenden schlechten Handyempfangs. Das alles landete in der steinernen Räucherschale, die Viktor wohlweislich eingepackt hatte.

Mit einer bewussten Willensanstrengung entzündete er alles und sah zu, wie sich immer mehr Hitze entwickelte. Als er fühlte, dass der richtige Moment gekommen war und die Magie damit begann, ihre Wirkung zu entfalten, hielt er das Kleeblatt in den schimmernden Rauch.

Der Zauber verwob sich willig mit der Struktur des Blattes und setzte sich problemlos darin fest. Das Kleeblatt war bereit.

~~~

Das Seminar war gut besucht, beinahe auf jedem Stuhl saß jemand. Viktor hatte diesmal weiter hinten platzgenommen, um einen guten Überblick zu haben — und, wenn er ehrlich war, um möglichst weit weg von den Lautsprechern zu sein.

Neben ihm saß Gerrit und wirkte wie die personifizierte Vorfreude, die Beine lässig übereinandergeschlagen, die Arme verschränkt.

Der Vortragende trat nach vorne, räusperte sich und setzte zu einer Begrüßung an.

Eine schrille Rückkopplung durchzog den Raum — so scharf, dass mehrere Leute zusammenzuckten.

Der Mann machte einen hastigen Schritt zurück, weg von den Boxen, und warf dem Tontechniker hinten im Raum einen vernichtenden Blick zu.

"Äh … entschuldigen Sie. Kleiner technischer Defekt."

Viktor erkannte nicht genau, was der Tontechniker machte, aber es dauerte nur wenige Momente, bevor er dem Vortragenden signalisierte, dass er weitermachen konnte.

Der Vortragende atmete tief durch, setzte neu an — diesmal mit einem größeren Sicherheitsabstand zu den Lautsprechern.

Ein Kreischen erfüllte den Raum, noch lauter als zuvor. Zwei Teilnehmer hielten sich die Ohren zu.

Viktor spürte, wie Gerrits Blick ihn von der Seite traf. Er musste sich ein Grinsen verkneifen.

Der Vortragende fummelte das Mikro von seinem Anzug, legte es mitsamt des dazugehörigen Akkupacks beiseite und wollte offenbar ohne Verstärkung weitermachen.

"So. Ich hoffe, jetzt …"

Die Lautsprecher an der Decke knackten, rauschten und gaben ein dumpfes Pfeifen von sich.

Er fluchte leise, warf dem Tontechniker wieder einen Blick zu, der hilflos die Schultern hob.

"Kann ich vielleicht ein anderes Mikro bekommen?", fauchte der Vortragende schließlich.

Ein Mitarbeiter brachte ihm ein Ersatzgerät. Aber kaum sprach er hinein, ertönte erneut ein unangenehmes Geräusch.

Dieses Mal war es so hochfrequent, dass jemand im Raum einen spitzen Schrei ausstieß. Irgendwo seufzte jemand laut: "Boomer und Technik." Die Bemerkung erntete einige Lacher.

Der Vortragende lief rot an, schwitzte und nestelte an seinen Hemdsärmeln.

"Das ist ja wohl ein Witz!" Er warf das Mikrofon auf den Tisch, wo es prompt ein tiefes, wummerndes Booommmm erzeugte.

Viktor versuchte weiterhin, völlig unschuldig zu wirken und sich nicht durch Lachen zu verraten. Gerrit neben ihm sah aus, als würde er gleich explodieren vor unterdrücktem Gelächter.

"Ich denke, er hat genug, oder?", fragte Viktor leise.

Gerrit seufzte. "Ich würde ihn ja gern noch ein Weilchen zappeln lassen. Aber er sieht aus, als würde er gleich dem armen Tontechniker den Kopf abreißen."

Es benötigte nur einen kurzen Moment der Konzentration, um die noch verbliebene Magie zu zerstreuen und unschädlich zu machen.

Mit knapp zehn Minuten Verspätung konnte der Vortrag endlich starten — ohne weitere Kommunikationsprobleme.

~~~

In der nächsten Kaffeepause tauchte der Vortragende plötzlich vor ihnen auf. Er wirkte angespannt und immer noch ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht.

"Ich habe keine Ahnung, wie Sie es geschafft haben", begann er ohne Umschweife. "Aber ich weiß ganz genau, dass Sie beide hinter diesen … seltsamen Vorkommnissen stecken."

Viktor hob langsam die Augenbrauen, nahm einen Schluck Kaffee und antwortete nicht. Gerrit hingegen verzog keine Miene.

"Seltsam, sagen Sie?", fragte er ruhig. "Ich würde es eher als ausgleichende Gerechtigkeit bezeichnen."

Der Vortragende verschränkte die Arme. "Das war Sabotage. Absichtliche Störung meines Vortrags. So was kann ich nicht einfach durchgehen lassen."

"Dann wäre jetzt vielleicht ein guter Zeitpunkt, sich zu entschuldigen", erwiderte Gerrit unbeeindruckt.

Der Mann blinzelte irritiert. "Entschuldigen? Bei Ihnen? Ich bin das Opfer hier."

"Sie haben gestern eine Bemerkung gemacht, die ganz und gar unhöflich war. Unter der Gürtellinie", sagte Gerrit. "Und Sie haben sie so gesagt, dass Viktor sie hören musste. Das war kein Missverständnis oder eine saloppe Bemerkung, das war Absicht."

Ein paar Sekunden herrschte Stille. Der Vortragende wechselte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Es war deutlich, dass ihm die Situation unangenehm war.

"Na gut", murmelte er schließlich, sichtbar unwillig. "Das war … unprofessionell von mir. Ich entschuldige mich."

"Entschuldigung akzeptiert", sagte Viktor ruhig, ohne ein Lächeln.

Der Vortragende nickte knapp, drehte sich um und verschwand wieder in der Menge. Gerrit grinste.

"Ich wette, das war schwerer für ihn als dein Zaubertrick vorhin."

Viktor nickte. "Ich finde es gut, dass er sich entschuldigt hat. Das schaffen nicht alle." Er würde wohl seine Meinung über den Vortragenden auch nochmal überdenken.