Feuertaufe

Kapitel 2: Feuertaufe

Wien, 1998

Die letzte Stunde zieht sich wie Kaugummi. Daniel versucht sich auf das zu konzentrieren, was der Lehrer vorne an der Tafel zeigt, aber er hat heute noch weniger Kopf für Physik als sonst. Stattdessen wandert sein Blick immer wieder unauffällig zu Viktor, der neben ihm sitzt.

Sie kennen sich jetzt schon fast ein Jahr. Er weiß, wie Viktor normalerweise mit den Beinen zappelt, am Bleistift kaut oder seinen Radiergummi malträtiert. Aber heute sitzt Viktor nur kerzengerade da. Ab und zu verzieht er nach einer Bewegung das Gesicht. Niemand sonst scheint das zu bemerken. Nur Daniel.

Endlich läutet die Schulglocke. Der Geräuschpegel steigt schlagartig, alle stopfen ihren Kram in die Rucksäcke.

"Kommst du mit zu mir?", fragt Daniel, als er sich bückt, Viktors Tasche vom Boden hochnimmt und ihm reicht.

Viktor nickt nur.

Der Weg zu Daniels Haus ist nicht weit. Ein paar Stationen mit dem Bus und dann keine zehn Minuten zu Fuß. Daniel erzählt vom neuen Hund des Nachbarn. Das große Tier ist ihm noch ein wenig unheimlich.

Viktor geht stumm neben ihm her. Das ist ungewöhnlich.

Daniels Mutter freut sich, als sie Viktor sieht. "Seid ihr schon hungrig? Ich fange gleich mit dem Kochen an!"

"Danke, Mama", antwortet Daniel. "Wir sind dann mal oben."

Daniels Zimmer liegt im ersten Stock mit Blick auf den Garten. Die Sonne fällt durchs Fenster und beleuchtet ein typisches Jugendzimmer mit Bett, Schreibtisch, Schrank und überquellendem Bücherregal.

Daniel wirft seine Schultasche in die Ecke und schiebt Viktor in Richtung Bett.

"Was ist los?", fragt er, sobald sie nebeneinandersitzen.

"Nichts", antwortet Viktor einsilbig.

"Das glaub ich dir nicht."

Viktor seufzt.  Lange Zeit passiert nichts, dann steht er wieder auf und zieht vorsichtig sein T-Shirt aus. Ein Teil seiner Brust ist von einem Verband bedeckt, der sich in der Mitte leicht verfärbt hat.

Daniels Magen zieht sich zusammen. "Was ist das?"

Viktor zuckt nur mit den Schultern.

Daniels Finger werden klamm. Er wischt sie an seiner Hose ab, bevor er Viktor wieder neben sich aufs Bett zieht. Der Verband — oder das, was sich darunter befindet — riecht metallisch.

Er beugt sich vor, greift unters Bett und holt eine rote Kunststoffbox hervor. Darin sind Mullbinden, Kompressen und verschiedene Salben. Feinsäuberlich sortiert, hat alles seinen Platz. Zusätzlich nimmt er ein dickes Erste Hilf-Buch aus seinem Regal.

Das alles ist seine Idee gewesen — das erste Mal, als er gesehen hat, wie Viktors Vater ihn zugerichtet hat.

"Brandwunden …", murmelt er, während er im Buch das richtige Kapitel sucht.

Der Geruch hängt weiter in der Luft. Daniel versucht ihn zu ignorieren. Genauso, wie den Kloß in seinem Hals. Sein Herz schlägt aufgeregt.

Sterile Kompresse, Brandsalbe, Ibuprofentabletten. Daniel nickt, das ist alles vorhanden. Er spricht also nichts dagegen, den Verband abzunehmen.

"Ich fange an", murmelt er leise.

Viktor zuckt nicht einmal, als Daniel den Verband löst. Daniel hält den Atem an. Nicht hinschauen. Einfach machen.

Sein Blick bleibt trotzdem hängen. Für einen Moment kann er sich nicht rühren. Dann zwingt er sich, die Augen zu schließen, bis der Schwindel nachlässt. Er zählt innerlich bis drei, bevor er weitermacht.

Laut seinem Buch ist der erste Schritt das Reinigen der Wunde mit Wasser. Das würde zwar im Badezimmer einfacher gehen, aber Daniel möchte auf gar keinen Fall, dass irgendjemand etwas mitbekommt. Das würde gerade noch fehlen, dass seine nervige Schwester dann hereinplatzt.

Also steht er auf, holt eine Schüssel mit Wasser und einen Waschlappen. Schlimmstenfalls wird sein Bett ein wenig feucht. Bis zum Abend ist es hoffentlich wieder trocken.

Viktor zuckt nicht, als das kühle Wasser seine Haut berührt. Er presst nur stumm die Lippen zusammen, als Daniel vorsichtig den Waschlappen auswringt und die Flüssigkeit über Viktors Brust rinnen lässt. Reste von Ruß und getrocknetem Schweiß werden auf die Art sanft entfernt. Das Wasser selbst beginnt ebenfalls leicht metallisch zu riechen.

Daniel bringt die Schüssel wieder weg. Das Schlimmste hat er hinter sich. Ob das auch für Viktor gilt, weiß er nicht. Hoffentlich tut es nicht allzu sehr weh, wenn Daniel gleich den frischen Verband über die Wunde kleben wird.

Zurück in seinem Zimmer schraubt er die Salbe auf und öffnet die sterile Verpackung einer Wundauflage. Er drückt eine großzügige Portion aus der Tube — die Salbe muss die ganze Wunde bedecken. Der süßlich-chemische Geruch steigt ihm in die Nase. Früher hat er ihn mit aufgeschlagenen Knien in Verbindung gebracht. Heute denkt der dabei an tiefe Schnittwunden und Verbrennungen.

Seine Hände zittern, als er den neuen Verband platziert. Er muss dafür ganz nah ran. Sein Knie streift Viktors Oberschenkel. Er merkt plötzlich, wie schmal und warm Viktor ist. Seine Fingerspitzen kribbeln, als er den Verband vorsichtig andrückt, ohne die darunterliegende Wunde zu berühren. Er streicht über die selbstklebenden Ränder.

Viktor hält absolut still. Nur seine Brust hebt und senkt sich bei jedem Atemzug.

Eine Weile sitzen sie so da, sagen nichts. Daniels Finger liegen immer noch auf Viktors Brust — sie zittern nicht mehr. Er bildet sich ein, Viktors Herz schlagen zu fühlen. Es hämmert genauso sehr wie Daniels. Ob ebenfalls aus Aufregung oder wegen der Schmerzen, weiß Daniel nicht.

Nach langen Augenblicken schafft es Daniel, sich wieder zu bewegen. Er verstaut alles wieder sorgfältig in der roten Box, drückt eine Tablette Ibuprofen aus dem Blister und reicht sie Viktor.

Viktor wartet nicht darauf, dass Daniel ihm ein Glas Wasser bringt. Er schluckt die Tablette ohne große Mühe einfach so und sitzt dann wieder regungslos auf dem Bett.

Daniel setzt sich ein weiteres Mal ihm gegenüber auf die Matratze. Er hat das Gefühl, er muss irgendetwas sagen. Dass Viktor nur halb bekleidet auf seinem Bett sitzt, lässt Daniels Herz immer noch schneller schlagen als sonst.

"Fertig", verkündet er. Aber das fühlt sich irgendwie falsch an. Als wäre das hier nur eine Pflichtübung gewesen.

Langsam und zögerlich hebt er seine Hände, legt sie auf Viktors Schultern und zieht ein wenig an ihm an.

Es dauert einen Moment, bevor sich Viktor bewegt. Dann lässt er sich nach vorne sinken, gegen Daniel, bis Viktors Kinn seine Schulter berührt.

Daniel spürt das Gewicht, die Wärme und auch wie viel größer Viktor eigentlich ist. Trotzdem sucht Viktor in dem Augenblick bei ihm Schutz und Trost.

Es fühlt sich gut an.

Langsam lässt Daniel seine Hände über Viktors nackten Rücken gleiten — ein wenig ehrfürchtig. Er atmet tief ein und nimmt Viktors Geruch wahr. Etwas Seife, ein bisschen Schweiß und etwas Erdiges.

"Danke", flüstert Viktor schließlich.

Daniel nickt nur und drückt Viktor fester an sich.