Rache ist süß

Kapitel 1: Rache ist süß

"Wir sind angefragt worden für eine Schulung im Schwarzwald", eröffnete Christian beim Mittagessen. "Ist irgendwo zwischen Freiburg im Breisgau und Stuttgart. Gar nicht so weit weg von Villingen-Schwenningen."

"Das heißt, du rechnest mit vielen Polizeischülern?", fragte Viktor interessiert.

"Ja. Allerdings auch mit genügend alten Hasen. Ich fände es gut, wenn jemand von uns dort wäre."

"Na, dann fahr hin, wir schaukeln den Laden da schon." In solchen Fällen übernahm Viktor die Leitung ihrer Einheit. Es war normal, dass Christian bereits frühzeitig mit ihm über solche Pläne sprach.

Was aber nicht normal war, war Christians Antwort: "Daraus wird leider nichts. Da wird in der Strafsache Ellinger verhandelt. Ich kann nicht einen Vortrag in Baden-Württemberg halten und gleichzeitig in NRW eine Aussage vor Gericht tätigen. Dit schaff nit mal icke. Nein, da wirst du hinfahren müssen."

Viktor sah Christian zweifelnd an. "Du weißt, ich misch mich gern unter die Menge, beantworte inoffiziell Fragen und so, aber auf der Bühne? Da werde ich dann sicher gefilmt … Nee, danke."

Christian nickte. "Das hab ich befürchtet. Ich lass mir was einfallen."

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Viktor war sich nicht sicher, ob er Christians Lösung wirklich gut fand. Doch sie war auf jeden Fall besser, als dass er die Augen und wahrscheinlich auch Aufnahmemedien unzähliger Leute auf sich gerichtet hatte.

Gerrit würde den Vortrag halten. Ein Vertreter der Staatsanwaltschaft als Vortragender bei einer Schulung der Exekutive war wirklich nichts Ungewöhnliches. Viktor würde sich, wie versprochen, als Teilnehmer unter die Menge mischen und so einerseits die Stimmung und den Wissensstand der Teilnehmer analysieren und andrerseits Fragen beantworten können, ohne im Rampenlicht stehen zu müssen.

Allerdings hieß das auch, fünf Stunden Autofahrt mit Gerrit.

Viktor und Gerrit waren sich von Anfang an nicht grün gewesen. Ihr erstes Aufeinandertreffen war schon nach wenigen Augenblicken in einem Kampf gegipfelt, den Christian beenden musste. Seitdem hatten sie zwar einen Waffenstillstand, aber der Konflikt schwelte dennoch mal stärker, mal schwächer zwischen ihnen.

Als sich Gerrit zu ihm in den Dienstwagen setzte, überlegte Viktor, wie oft er schon mit Gerrit unterwegs gewesen war. Er konnte die Male eigentlich an einer Hand abzählen.

Es war ungewohnt, nicht Christians kleine Gestalt neben sich auf dem Beifahrersitz zu haben. Gerrit war groß — nicht nur für einen Pixie, sondern auch nach menschlichen Maßstäben — nicht ganz so hochgewachsen wie Viktor, aber doch sicher 1,8 Meter. Und er war breit — mit einem Körperbau wie einer der Teilnehmer der Strongman Wettbewerbe. Niemand, den man einfach so übersehen konnte. Auch nicht aus den Augenwinkeln.

Dennoch verlief die Fahrt erstaunlich harmonisch. Sie einigten sich darauf, das Radio aufzudrehen, Gerrit verschränkte die Arme vor seiner breiten Brust und war schon nach den ersten zehn Kilometern eingeschlafen.

Perfekt.

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Das Hotel war im typischen Schwarzwaldstil gebaut: Leicht rustikal, aber sehr modern mit viel Holz und am Rande einer kleinen Gemeinde gelegen. Direkt über der Straße floss ein breiter Bach. Hinter dem Haus wuchsen Bäume.

Auch drinnen setzte sich der Eindruck fort. Die Türen, Zierpanele, Teile der Deckenverkleidung, Möbel — alles aus naturbelassenem, unbehandeltem Holz. Hell gestrichene Wände, Landschaftsbilder und große Fenster mit geblümten Vorhängen rundeten das Bild ab.

Als ihnen an der Rezeption die Schlüssel für ihre Zimmer ausgehändigt wurden, atmete Viktor erleichtert auf. Zwei Stück. Und sie lagen nicht mal nebeneinander. Offenbar hatte Christian darauf geachtet, dass sich noch eine weitere Person als Puffer zwischen ihnen befand.

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Der Seminarraum war voll — eine Mischung aus Jung und Alt, manche mit Notizblöcken oder Tablets bewaffnet. Erst kam die Begrüßung, dann der erste Vortragende, eine kurze Pause und danach war Gerrit an der Reihe. Er stand vorne und hielt seinen Vortrag so souverän, als hätte er nie etwas anderes getan. Viktor hatte sich bewusst nicht in die erste Reihe gesetzt, sondern irgendwo in die Mitte, damit er besser mitbekam, wie die Zuhörer reagierten.

Der zweite Teil des Vormittags gehörte einem anderen Referenten — einem älteren Kriminalbeamten, wahrscheinlich kurz vor der Pensionierung. Seine Stimme war laut, sein Auftreten selbstsicher, und er gestikulierte ausladend, während er von "bewährten Ermittlungsmethoden" sprach.

Viktor merkte schon nach zehn Minuten, dass er den Mann nicht mochte. Zu sehr von oben herab, zu viel "früher war alles besser". Aber er zwang sich dennoch, aufmerksam zuzuhören. Vielleicht konnte er ja trotzdem etwas von den altmodischen Ansätzen lernen.

"Und was heutzutage alles als normal gilt", sagte der Mann mit einem halb belustigten, halb abfälligen Grinsen, "da weiß man manchmal nicht, ob man in einer Polizeischulung sitzt oder bei einer Modenschau. Früher hätte man uns für sowas direkt nach Hause geschickt."

Einige lachten verhalten. Die meisten sahen unsicher um. Es war zwar nicht offensichtlich, wem der Kommentar galt, aber Viktor befürchtete, dass er damit gemeint war.

Dabei hatte er sich heute relativ durchschnittlich gekleidet — körpernah geschnittene dunkle Jeans mit einem schwarzen T-Shirt, das sich nur durch die Reihe an Sicherheitsnadeln, die zur Zierde in die rechte Schulternaht gestochen waren, ein wenig abhob. Gut, er hatte nicht auf Wimperntusche und Eyeliner verzichtet, aber alles in allem fand er, dass so eine Bemerkung heute wirklich nicht gerechtfertigt war.

Er ignorierte die Aussage dennoch und der Vortrag ging weiter.

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Die Pause war laut. Stühle rückten, Gespräche füllten den Raum, die Kaffeemaschinen ratterten. Viktor stand allein mit seiner Tasse an einem der Stehtische, den Rücken halb der Gruppe um den Vortragenden zugewandt. Er hörte ihnen nur mit einem Ohr zu — bis die Stimme des älteren Kriminalbeamten wieder lauter wurde.

"Früher hätte es sowas nicht gegeben", sagte er gerade. "Da hätten wir dem Jungen mal ordentlich die Haare geschnitten, ihm die Schminke aus dem Gesicht gewaschen und ihm beigebracht, was ein richtiger Mann ist."

Die Kollegen lachten — ein paar verlegen, ein paar ehrlich amüsiert.

Irgendwer murmelte "Schwuchtel".

Viktor versuchte die Bemerkung zu ignorieren und trank stattdessen einen Schluck Kaffee, ohne sich umzudrehen. Er spürte, wie der Mann ihn ansah, wie die Stille nach seinem Satz gerade lang genug bestehen blieb, damit auch der letzte Anwesende wusste, wer gemeint war.

"Lasst du dir das einfach so gefallen?", fragte Gerrit leise und trat mit seiner Tasse zu Viktors Tisch.

Viktor zuckte stumm mit den Schultern. Was sollte er großartig tun? Jetzt Stunk anzufangen schien ihm nicht der richtige Weg zu sein. Der Kerl wollte ihn ja offensichtlich provozieren. Und diese Genugtuung würde Viktor ihm ganz bestimmt nicht geben. Also atmete er langsam aus, stellte die leere Tasse ab und sah auf seine Uhr. Noch zehn Minuten bis zum nächsten Vortrag.

"Wie kannst du da nur so ruhig bleiben? Der Kerl hat dich doch beleidigt", hakte Gerrit nach.

"Weil es nichts bringt. Ich habe nicht das Gefühl, dass ein Gespräch irgendetwas bewirken würde. Den Typ seh ich nie wieder."

"Trotzdem kannst du ihm das nicht einfach so durchgehen lassen", beharrte Gerrit.

Bildete sich Viktor das ein, oder störte es Gerrit tatsächlich auf einem persönlichen Level, dass der andere Vortragende Viktor beleidigt hatte.

"Sag mal, warum regst du dich eigentlich auf? Der Kerl hat ja mich beleidigt. Nicht dich", fragte Viktor verwirrt.

Gerrit beugte sich zu Viktor vor und sagte in eindringlichem Tonfall: "Wenn dich hier jemand nervt oder beleidigt, dann bin das ich. Nicht so 'n oller Grotkopp "

Viktor begann zu lächeln - dass sich Gerrit so über die Aussage ärgerte, war eigentlich nett. Dennoch konnte er nicht widerstehen. Sein Lächeln wurde zu einem Grinsen, als er die Hand hob und Gerrits Wange tätschelte. "Ich dich auch, Schatzi. Ich hab dich auch lieb."

Einen Moment sah Gerrit überrascht aus. Dann beugte er sich vor und gab Viktor einen Kuss.

Vollkommen perplex fror Viktor förmlich ein. Einen langen Moment starrten sie sich beide einfach nur an. Irgendwann fing erst Gerrit an zu kichern. Auch Viktor konnte nicht mehr ernst bleiben und es dauerte nicht mehr lange bis beide schallend drauf los lachten.

Wer glaubte, einen Pixie verarschen zu können, musste auch einstecken können.